Mistel und Co in der Palliativmedizin?
HOSPIZARBEIT UND PALLIATIVMEDIZIN

Akupunktur, Mistel & Co: Alternative Verfahren in der Palliativversorgung

Immer mehr todkranke Patienten nutzen laut Spiegel Online die alternative Medizin, nicht zur Heilung, sondern für mehr Lebensqualität. Das ist nicht wirklich neu. Viele, wahrscheinlich sogar die Mehrzahl der Patienten, nutzen solche Verfahren, aber wie in anderen Bereichen der Medizin scheuen sie sich, mit den Ärzten oder Pflegenden darüber zu sprechen.

Ärzte und Pflegende wenden in der Palliativversorgung auch einige Methoden der komplementären Medizin wie zum Beispiel Aromatherapie an. Akupunktur (am Punkt P6) kann geben Übelkeit sehr wirksam sein und hat den Vorteil, dass es keine Nebenwirkungen hat. Wenn ich dem Patienten beibringe, an diesem Punkt selbst Akupressur durchzuführen, gebe ich ihm außerdem noch ein Stück Kontrolle zurück.

Wohlgemerkt sind die alternativen Therapieverfahren durchaus nicht ohne Nebenwirkungen. Pflanzliche Arzneimittel können dieselben Nebenwirkungen haben (manchmal sogar stärker ausgeprägt) als die chemisch hergestellten Arzneimittel.  Mistelpräparate (die im Spiegel-Artikel genannt werden) enthalten zwar wirksame Inhaltsstoffe (die Lektine), aber die Injektionen können zum Beispiel starke allergische Reaktionen auslösen. Deshalb gilt es genauso wie für andere Therapieverfahren auch, in jedem Einzelfall Belastungen und mögliche Risiken für den Patienten gegen die zu erwartenden Vorteile abzuwägen.

Vor allem aber sollte der Einsatz von alternativen Therapieverfahren nicht dazu führen, dass den Patienten Morphin oder andere wirksame Medikamente zur Symptomkontrolle vorenthalten werden. Als komplementäre Therapieverfahren aber können sie eine wertvolle  Ergänzung zur effektiven medikamentösen Symptomkontrolle bieten; vor allem wenn Patienten danach fragen, weil sie diese Verfahren schon früher öfter genutzt haben.

Professor Dr. Lukas Radbruch ist Chefarzt der Palliativmedizin im Malteser Krankenhaus Sel. Gerhard Bonn/Rhein-Sieg und leitet das dortige Malteser Palliativzentrum.

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Comments (3)

  • So schön es auch ist, dem Patienten wieder ein Stück Kontrolle zurückzugeben, so sollte doch auch betont werden, dass die meisten (wenn nicht gar alle) komplementärmedizinischen Verfahren keinen über den Placeboeffekt herausgehenden Effekt aufweisen – kurz: medizinisch wirkungslos sind. Außerdem schmeisst der Autor hier Alternativmedizin und Phytotherapie in einen Topf, was deshalb nicht sinnvoll ist, weil erstere medizinisch wirkungslos, letztere jedoch durchaus wirksam ist (und nichts mit Alternativmedizin wie Homöopathie, Akupunktur, etc zu tun hat). Hier entsteht der Eindruck Alternativmedizin wäre eine gleichwertige Alternative zur evidenzbasierten Medizin. Dies ist nicht der Fall: ersteres ist Scharlatanerie, letzteres wissenschaftlich abgesicherte Krankheitsbekämpfung.

    MfG Prof. Dr. B. Heinemann

  • Der Kommentar weist auf die häufige Verwirrung und Verwechslung von alternativen und komplementären Verfahren. Bei den komplementären Verfahren finden sich häufig Methoden, die auch schon in der Schulmedizin akzeptiert werden und von einigen Ärzten und Pflegenden auch in ihre reguläre Behandlungsabläufe eingebunden worden sind. Die Aromatherapie ist zum Beispiel in der Palliativpflege gut etabliert.

    Bei den alternativen Verfahren (wie zum Beispiel Homöopathie) ist demgegenüber für viele Methoden keine Evidenz vorhanden, allerdings ist zur Akupunktur mittlerweile doch auch in guten Studien zumindest auch für einige Indikationen eine Wirkung nachgewiesen worden. Es gibt Studien, die eine Wirkung von Akupressur am Punkt P6 in der Behandlung von Übelkeit sowohl postoperativ wie auch während einer Chemotherapie nachweisen, die durchaus vergleichbar mit den üblichen Medikamenten gegen Übelkeit sind.

    In den meisten Fällen geht es ja auch gar nicht darum, ob Ärzte diese Methoden statt der evidenzbasierten Medizin anwenden (das wäre in der Tat Scharlatanerie), sondern ob wir akzeptieren, dass ein großer Anteil unserer Palliativpatienten (und einige unserer Kollegen) diese Methoden benutzen, und wie wir damit umgehen.

    Lukas Radbruch

  • Hallo Herr Prof. Dr. B. Heinemann,

    schwierig zu sagen ob das letzte abgesicherte Krankheitsbekämpfung genannt werden darf, wenn wir mal ehrlich sind, wie von der Krankenkasse verlangt, dass der Arzt ein bestimmtes Medikament verschreiben soll. Die kann zum Teil dazu führen, das andere Medikamente von der Krankenkasse nicht bezahlt werden, obwohl diese eindeutig besser für den Patienten geeignet ist. Nicht umsonst werden immer mehr Privatpraxen eröffnet.

    Von alternativen Medizin halt ich zum Teil auch nicht viel, aber ich glaube auch nicht jeder Diagnose. Denn ich habe gemerkt, das besonders heute die Ärzte mehr Unsinn erzählen als die sogenannten Scharlatane. Eine Freundin wurde umsonst operiert um dann eine Fehldiagnose festzustellen, mit der Antwort wir wissen nicht was sie haben… Einem Bekannten sollten einfach mal die Mandeln entfernt werden um dann festzustellen das er Syphilis hat.

    Klar: Fehldiagnosen sind sicherlich Menschlich, doch derzeit erlebe ich mehr Fehldiagnosen als Heilungen. Ich wurde mit einem erhöhten Entzündungswert zu einem Facharzt geschickt, der ohne meine Akten sehen zu wollen, zu mir sagt das es Einbildung sei. Nur weil der Befund von einer Neurologin kommt die sich besonders mit den Auswirkungen von Zeckenbissen beschäftigt hat… Der Arzt hat nie meine Befunde sehen wollen… Abgesicherte Krankheitsbekämpfung ist für mich was anderes solange man sein Geld mit Krankenkassen verdient…

    Viele Grüße

    QiKi

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