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Gotteslohn unter Mindestlohn? Wie die Politik das Ehrenamt monetarisiert und so entwertet

Nun kommt er also wirklich, der gesetzliche Mindestlohn: Die einen sehen ihn als wichtigen Schritt in Richtung Gerechtigkeit, die anderen verdammen ihn, weil mancher Wirtschaftsweise ihn als  Wachstumsbremse sieht. Einheitlich, also flächendeckend  und für alle gleich soll er sein; aber wie fast immer im politischen Geschäft, machen die Ausnahmen die Regel. Das gilt auch für den Mindestlohn:  Im Fall von Minderjährigen wird pädagogisch argumentiert: der Weg zu Ausbildung dürfe nicht durch besser bezahlte Aushilfsjobs versperrt werden. Für Langzeitarbeitslose müssten gegebenenfalls staatlich gestützte Brücken gebaut werden. Ja, kann sinnvoll sein – jedenfalls lässt sich über all das trefflich streiten.

Was jedoch irritiert: In der Berichterstattung über die Pläne der Bundesregierung wird plötzlich auch das Ehrenamt als Ausnahmebereich genannt, für den der gesetzliche Mindestlohn nicht greifen soll.  Ich verstehe, dass der Politik die Ehrenamtsförderung am Herzen liegt – das ist ja grundsätzlich auch richtig. Wenn hier „Ehrenamtsförderung“ gesagt wird, sind damit jedoch nebenberufliche Tätigkeiten gemeint, also alle Tätigkeiten, für die eine so genannte Übungsleiterpauschale gezahlt wird.

Damit wir uns nicht missverstehen: Diese Übungsleiterpauschale ist ein wichtiges Instrument zur Förderung gesellschaftlichen Engagements und die so bezahlten Tätigkeiten unverzichtbar für unsere Gesellschaft. Im Sportverein werden damit  Trainer bezahlt, und wir Malteser können so zum Beispiel Koordinatoren für unsere ansonsten rein ehrenamtlich organisierten Hospizdienst einsetzen und damit einen überaus wertvollen Dienst für Menschen in wirklich schweren Lebenssituationen in hoher Qualität anbieten. Dagegen ist nicht nur nichts einzuwenden, es ist sogar  besonders positiv hervorzuheben, weil hier die Förderung des ehrenamtlichen Engagements mittelbar funktioniert.

Unabhängig von der politischen Frage, ob es gerechtfertigt ist,  nebenberufliche Tätigkeiten  unterhalb des Mindestlohns zu bezahlen, ist es kontraproduktiv, diese als „Ehrenamt“ zu bezeichnen. Aus Sicht der Malteser und vieler weiterer Organisationen ist Ehrenamt unentgeltlich. Selbstverständlich erstatten wir unseren  Ehrenamtlichen dabei ihre Auslagen. Die ehrenamtliche Tätigkeit und die Zeitspende selbst aber werden eben nicht entlohnt – jedenfalls nicht mit Geld, sondern mit „Ehre“ oder „Gotteslohn“.  Vielleicht ist auch „Dankbarkeit“ ein guter Begriff: Dank von denen, denen man geholfen hat, Anerkennung von uns allen als Gesellschaft – und im Idealfall dankt es einem das Leben selbst mit Sinn und Erfüllung.

Wenn es sich jedoch einbürgert, dass Ehrenamt richtiggehend bezahlt wird, verändert sich nicht nur die Beziehung zwischen helfender und die Hilfe empfangender Person. Solidarität und Nächstenliebe, starke Triebfedern für Glück und Zufriedenheit einer Gesellschaft, werden kalkulierenden Geschäftsbeziehungen weichen (müssen). Das können und sollten wir uns nicht leisten. Wenn die Politik also „Ehrenamt“ vom Mindestlohn ausnimmt und so die Übungsleiterpauschale als direkte Ehrenamtsförderung verkauft, schürt sie Missverständnisse. Es kommt eben doch (auch) auf die richtige Wortwahl an: Ehrenamt ist unentgeltlich!

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Comments (3)

  • Grundsätzlich sehe ich auch einen Unterschied zwischen einer nebenberuflichen Tätigkeit (auf gleicher Ebene neben dem Hauptberuf) und einer ehrenamtlichen Tätigkeit (unabhängig vom Haupt-/Nebenberuf).
    Insofern – und ohne die vorgesehenen Regelungen im Detail zu kennen – erscheint mir die Ausnahme von ehrenamtlichen Tätigkeiten vom Mindestlohn (= die Mindestlohn-Regelungen gelten für ehrenamtliche Tätigkeiten nicht) völlig getrechtfertigt und auch im Sinne der Malteser.
    Ich frage mich daher, was mit diesem kritischen Artikel ausgesagt werden soll.
    Soll damit generell die „Übungsleiter-Pauschale“ kritisiert werden? Letztlich ist das auch nur ein pauschaler Ersatz von Aufwendungen.

    Viele Grüße

    Tino

    • Im Artikel findet eine kritische Auseinandersetzung mit der Verwendung des Begriffs „Ehrenamt“ im politischen Raum statt. Im Kern geht es um die Frage, ob, wo „Ehrenamt“ draufsteht, auch eine unentgeltliche Tätigkeit (so verstehen wir Malteser „Ehrenamt“) drin ist. Die Anwendung z. B. der „Übungsleiterpauschale“ löst mindestens steuerrechtlich das Merkmal „Nebenberuflichkeit“ aus, weil ein Zufluss stattfindet, der eben nicht spitz abgerechnete Erstattung von (berechtigten) Auslagen ist. Gesellschaftspolitisch zu kritisieren ist aus meiner Sicht eine nicht trennscharfe Verwendung des Begriffspaars „Ehrenamt und Nebenberuflichkeit“ besonders dann, wenn Pauschalen für die Entschädigung eines zeitlichen Aufwands gezahlt werden. Wie im Artikel geschrieben soll damit eben nicht die „Übungsleiterpauschale“ generell kritisiert werden, die gerade für die Unterstützung „Ehrenamtlicher“ großen Wert haben kann.

  • Leider werden schon jetzt viele bisher ehrenamtliche unentgeltliche Dienste bezahlt und man wird aufgefordert eine Erklärung für das Finanzamt über geringfügige nebenberufliche Beschäftigung auszufüllen. So wird in allen Hilfsorganisationen das Ehrenamt aufgeweicht und viele Helfer machen bestimmte Dienste (Ausbildung intern und extern, Rettungsdienst etc) nur noch wegen dem Geld. Ich für meinen Teil bin vom Verständnis wirklich ehrennamtlich (seit 36 Jahren) bis auf kurze Zeiten hauptamtlicher Arbeitsverträge vor und während des Studiums, möchte kein Geld für meine Dienste , bin aber wahrscheinlich eine aussterbende Art mit dieser Einstellung.

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