in Würde sterben
ALTERSGERECHTE MEDIZIN UND PFLEGE, HOSPIZARBEIT UND PALLIATIVMEDIZIN

In Würde sterben, nicht: schlafen bis der Tod kommt

Ein würdevolles Sterben wünschen wir uns alle – für unsere Lieben und für uns selbst. Die moderne Palliativmedizin zielt darauf ab, dies zu ermöglichen durch die Behandlung von Schmerzen und anderen Symptomen, aber auch Gespräche über Bedürfnisse und Befürchtungen mit den Patienten und ihren Angehörigen.

Gleichzeitig beobachten wir in deutschen Krankenhäusern eine Zunahme des künstlichen Dauerschlafs für Sterbende. In manchen Fällen werden dabei Schmerzmittel in hoher Dosierung zur Sedierung eingesetzt, obwohl die Patienten keine Schmerzen haben.

Der so nachvollziehbare Wunsch nach einem würdevollen Tod, den wohl jeder von uns teilt, birgt offenbar auch die Gefahr eines groben Missverständnisses mit gravierenden Folgen in sich: Ein Tod in Würde bedeutet nicht, dass der Kranke das Sterben nicht miterleben darf. Für viele Patienten ist der Erhalt des Bewusstseins auch noch im Sterben sehr wichtig. Dahinter steht der Wunsch, die letzten Dinge noch zu regeln oder einfach weiter eng verbunden zu sein im Kreise der Lieben.

Die Sedierung sterbenskranker Patienten wird auch im Rahmen einer zeitgemäßen palliativmedizinischen Versorgung in Erwägung gezogen, um unerträgliches Leiden zu lindern. Sie hat ihre Berechtigung dann, wenn belastende Symptome, seien es Schmerzen oder Luftnot, mit den ansonsten zur Verfügung stehenden Möglichkeiten nicht ausreichend behandelt werden können. In solchen Fällen kann ein bewusstseinsdämpfendes Medikament gegeben werden, so dass der Zustand für den Schwerstkranken erträglich wird.

Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin oder die European Association for Palliative Care knüpfen diese palliative Sedierung aber an klare Bedingungen: Fast schon selbstverständlich erscheinen uns zwei davon: es müssen die Einwilligung und Aufklärung des Patienten, seiner Angehörigen und des Behandlungsteams vorliegen; außerdem sollte zuvor dokumentiert sein, dass konventionelle palliative Maßnahmen erfolglos geblieben sind. Die im Klinikalltag wohl brisanteste Forderung aber lautet: Die Sedierung darf nicht die personelle Nähe, Pflege und Sterbebegleitung durch Pflegende und Angehörige ersetzen!

Daraus folgt: Die Sedierung am Lebensende sollte nicht unkritisch erfolgen. Ein künstlicher Dauerschlaf ist nur dann gerechtfertigt, wenn er den Bedürfnissen und Wünschen des Patienten entspricht. Wo dies nicht sicher und ausdrücklich der Fall ist, gibt dies Anlass für Ärzte und Pflegende, ihre Haltung zum Sterben und zur Sedierung am Lebensende kritisch zu überprüfen.

Prof. Dr. med. Lukas Radbruch leitet das Zentrum für Palliativmedizin am Malteser Krankenhaus Seliger Gerhard Bonn und hat den Lehrstuhl für Palliativmedizin an der Universität Bonn inne.

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