Armut in Deutschland hat mehrere Ursachen und viele Gesichter
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Nähe zählt nirgends mehr als in der Sorge um die Armen

„Der ist aber arm dran“. Dieser Satz geht uns leicht über die Lippen, wenn es jemanden arg getroffen hat. Dann spielt oft die Gesundheit nicht mehr mit, jemand ist arbeitslos geworden oder die Familie ist zerbrochen. Nicht selten paart sich das eine mit dem anderen. Schicksal?

Hingegen würden wir heute viel weniger sagen: „Die Familie ist arm“, wenn wir finanzielle Armut aufgrund geringen Einkommens und fehlenden Vermögens meinen. Stattdessen hören wir oft: „Der (oder die) kommt aus einer ‚sozial schwachen Familie‘“, was die Sache allerdings auf den Kopf stellen kann. Denn „sozial schwach“ heißt doch eher „beziehungslos“, nicht eingebunden in die Gesellschaft. Im wirklichen Leben können aber gerade jene, die als „sozial schwach“ bezeichnet werden, sozial ganz stark sein: kinderreiche Familien, Alleinerziehende, die trotz ihrer Doppelbelastung für eine gute Zukunft ihrer Kinder sorgen, oder Jugendliche, die sich selbst unter schwierigsten materiellen Umständen sehr gut entwickeln und integrieren.

Auch in Deutschland sind Menschen von Armut bedroht
Die Fachleute unterscheiden „absolute Armut“ von der „relativen“. Wer nicht einmal über ein Einkommen von 1,30 US-Dollar pro Tag verfügt, lebt in absoluter Armut. Es ist ein menschenunwürdiges Leben am äußersten Rand der Existenz, von dem auch heute noch jeder fünfte Bewohner der Erde betroffen. In relativer Armut lebt, wer beispielsweise nur über einen bestimmten Prozentsatz des durchschnittlichen Nettoeinkommens (oder Vermögens) einer Gesellschaft verfügt.

In Deutschland verfügen immer mehr alte Menschen über eine Rente von weniger als 848 Euro im Monat, so dass der Staat ihre Rente durch eine „Grundsicherung“ aufstocken muss. Das größte Armutsrisiko hierzulande aber tragen die Alleinerziehenden: Jeder (oder jede) Vierte von ihnen ist von Armut bedroht.

Lassen wir uns auf  „die Armen“ ein
Wie gehen wir mit Armut um? Hier kann der ganzheitliche Blick auf den Menschen helfen: Wie ist es um sein körperliches, seelisches und geistiges Heil bestellt? Eine schwierige Frage, der auch wir Malteser nur näher kommen, wenn wir uns auf „Arme“ einlassen, mit ihnen sprechen und ihnen zuhören: Erfahren wo der Schuh drückt. Wie das geht? Beim Wohlfühlmorgen diesmal nicht die Brötchen schmieren, sondern das Gespräch suchen; in der Kleiderkammer Interesse am Schicksal der „Kunden“ zeigen; im Besuchs- und Begleitungsdienst die reiche alte Dame trotz ihrer Verbitterung aufsuchen; den Jugendlichen, der scheinbar nicht mehr zu ertragen ist, in der Gruppe halten; zum x-ten Mal mit Geduld und Demut die Leidensgeschichte eines alten Menschen anhören; dem „Illegalen“ nicht nur medizinische Hilfe, sondern auch Rechtsbeistand besorgen.

Reden wir „den Reichen“ ins Gewissen
Jesus beurteilt Menschen nicht nach ihrer Leistung und ihrem Erfolg, sondern danach, was sie brauchen. „Was willst Du, dass ich Dir tu?“ Diese Frage ist häufig der Anfang einer Heilungsgeschichte. Im Gleichnis vom Weltgericht identifiziert sich Jesus vollends mit den Armen und Benachteiligten. „Was ihr einem der Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.“ Seine Kritik am Reichtum hingegen ist kompromisslos. „Man kann nicht Gott dienen und dem Mammon (Mt 6,24)“. Mit der Tat in caritate könnte sich bei den Maltesern die „Rede ins Gewissen“ der Reichen verbinden. Dann wäre auch die Finanzierung der Hilfe für die Armen immer besser möglich. Patenschaften im Menüdienst, Schülerpatenschaften, Individualspenden, Stiftungen, Erbschaften: leisten wir mutig unseren Beitrag zum Ausgleich zwischen Arm und Reich.

Weil Nähe zählt: Nirgendwo gilt dieser Wahlspruch mehr als in der Sorge um die Armen.

Martin Pfeifer leitet die Abteilung Soziales Ehrenamt im Generalsekretariat des Malteser Hilfsdienst e.V.

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