Dr. Rauhut bei der Behandlung einer Patientin
MIT UNS ARBEITEN, SICH ENGAGIEREN

Zum Arzt auch ohne Kranken-Versicherung

„Ich habe hier einen Notfall! Kennt jemand von euch einen Augenarzt?“ Kaum hat sie die Frage gestellt, greift Dr. Anne Rauhut auch schon ungeduldig nach ihrem Handy. Ob persönlicher Kontakt oder Suchmaschinentreffer: Wenn nötig, ruft sie überall an. Denn der Zustand des Patienten ist kritisch. Sein rechtes Auge ist zugeschwollen. Das Sehvermögen eingeschränkt. Die Ursache unklar. Trotzdem bleibt die Suche nach einem Facharzt zunächst erfolglos. Denn: Der Patient ist nicht krankenversichert. „Auch wenn es mir schwerfällt: Ich kann schon nachvollziehen, dass manche Kollegen die kostenfreie Behandlung von Bedürftigen rundheraus ablehnen“, gibt Dr. Rauhut zu. Schließlich spiele Wirtschaftlichkeit auch in der Medizin eine immer größere Rolle. „Aber wenn es bei allem, was wir tun, immer nur noch um Geld geht: Wer kümmert sich dann um die Patienten, die unsere Hilfe am dringendsten benötigen?“ Tatsächlich gibt es allein in Duisburg etwa 10.000 Menschen ohne Krankenversicherung. Neben Touristen zählen dazu auch Selbstständige und Migranten mit Aufenthaltsrecht. Um ihnen zu helfen, bieten die Malteser seit Beginn des Jahres eine kostenlose Sprechstunde in einer modern eingerichteten Praxis im Zentrum von Duisburg an.

Gruppenbild in der Sprechstunde
Die Ärzte der Malteser Medizin für Menschen ohne Krankenversicherung

Ein Team, das gerne die Ärmel hochkrempelt

20 Ehrenamtliche – darunter Ärzte, Hebammen und Dolmetscher – kümmern sich dort einmal pro Woche von 10 bis 15 Uhr ehrenamtlich um die medizinische Versorgung der Bedürftigen. Eine Aufgabe, die einige der engagierten Ärzte schon zuvor unter wesentlich schlechteren Bedingungen in Duisburg-Marxloh wahrnahmen. „Gedacht ist die Praxis als reine Notfallpraxis“, berichtet Dr. Rauhut. „Deshalb vergeben wir auch keine Termine.“ Wer kommt, muss Zeit mitbringen, denn jede Woche schauen im Schnitt zwischen 20 und 40 Patienten vorbei. Damit ihnen bei der „Malteser Medizin für Menschen ohne Krankenversicherung“ so gut wie möglich geholfen werden kann, gibt es Ärzte mit verschiedensten fachlichen Hintergründen. So zum Beispiel Internisten, Kinderärzte, Rheumatologen, Chirurgen und Dermatologen. „In Kombination mit unserer heutigen technischen Ausrüstung – also EKG, Ultraschall und Labor – können wir den Patienten in vielen Fällen sehr gut helfen“, stellt Dr. Rauhut fest. Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass Härtefälle zur Weiterbehandlung an Facharztpraxen überwiesen werden müssen. „Deshalb unterhalten wir Kooperationen mit anderen Ärzten und Kliniken. Aber vor allem was Augenheilkunde und Gynäkologie angeht, sind wir leider noch nicht gut aufgestellt“, sagt Dr. Rauhut. Doch nicht nur bei der Suche nach kooperationsbereiten Fachärzten stoßen die zwölf Ärzte im Alltag immer wieder auf Hindernisse.

Auch die Ansprache der Bedürftigen gestaltet sich nicht immer einfach. Die Kosten für die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln, scheinbar unüberwindbare Sprachbarrieren und eine tief sitzende Angst vor Zurückweisung halten immer noch viele Menschen von einem Besuch der Praxis ab. „Wenn jemand herkommt, ist es deshalb unsere wichtigste Aufgabe, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen“, stellt Dr. Rauhut fest. Auch deshalb seien menschliche Fähigkeiten wie Hilfsbereitschaft, Offenheit, Verständnis und Einfühlungsvermögen im Praxisalltag besonders wichtig. „Wir müssen den Patienten das Gefühl vermitteln, dass sie bei uns willkommen sind. Das geht aber nur, wenn wir sie und ihre Bedürfnisse wirklich ernst nehmen.“ Aus diesem Grund hat jeder Patient die Möglichkeit, die Praxis vollkommen anonym zu besuchen.

Ein Kind ohne Krankenversicherung in der Sprechstunde
Ein Kind wird in der Sprechstunde versorgt

Dolmetscher helfen, die Sprachhürden zu überwinden

Zur Überwindung der Sprachbarrieren während der Behandlung stehen den Ärzten neben den eigenen Fremdsprachenkenntnissen in Französisch, Italienisch und Englisch auch zwei ehrenamtliche Dolmetscher zur Verfügung. Sie sprechen Bulgarisch und Rumänisch – und damit die zwei Sprachen, die in der Duisburger Praxis am häufigsten zu hören sind. So unterschiedlich wie die Besucher der Praxis, so unterschiedlich ist auch ihre Lebensgeschichte. „Viele der Schicksale, denen wir hier begegnen, berühren mich auch persönlich“, gibt Dr. Rauhut ehrlich zu. Von Zwangsräumungen über Schießereien bis hin zur Prostitution: Durch ihre Patienten war die Ärztin in den letzten Jahren mit vielen sozialen Extremsituationen konfrontiert. „Ich gehe trotzdem nicht nach Hause und sage, die ganze Welt ist schlecht“, berichtet Dr. Rauhut. Stattdessen helfe sie dort, wo sie helfen könne. Wann immer nötig, greift die 62-Jährige dabei auch auf Unterstützung von Freunden und Bekannten zurück. Anwälte, Ärzte, Frauenhäuser – zu allen pflegt sie einen engen Kontakt. Denn ohne ein solches Netzwerk wäre die Arbeit der Praxis kaum denkbar. „Auch wenn wir Mediziner sind: Wir helfen hier nicht nur bei Atemwegsinfekten, Magen-Darm-Erkrankungen und Bluthochdruck, sondern leisten zudem ein ganzes Stück Lebenshilfe“, sagt Dr. Rauhut. Konkret bedeutet das: Bei Bedarf kümmern sich sämtliche Teammitglieder der Praxis auch schon mal um ein vorübergehendes Dach über dem Kopf, die Begleitung zu einer Beratungsstelle oder um den Anwalt zur Vertretung vor Gericht. Dass die Patienten diese Leistung zu schätzen wissen, zeigt auch die Dankbarkeit, mit denen sie den Ärzten begegnen. „Eine Patientin hat mir als Dankeschön mal Bettschuhe genäht, eine andere hat mich im Radio in den höchsten Tönen gelobt. Aber meist sind es eher kleine Dinge wie Blicke, ein Lächeln oder ein Handschlag.“ Doch auch die kleinen Gesten bedeuten ihr viel, denn es ist die Art von Anerkennung, die das Ehrenamt für sie so erfüllend macht. „Mein größter Wunsch wäre es aber trotzdem, dass meine Arbeit irgendwann überflüssig wird.“

EIne Familie wartet im Wartezimmer auf den Arzt
Eine Familie im Wartezimmer
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