Junge Pflegebedürftige spielen gemeinsam mit einer Pflegerin ein Spiel
ALLGEMEIN, ALTERSGERECHTE MEDIZIN UND PFLEGE

Mitten im Leben

Wie die Lebensqualität von jungen Pflegebedürftigen steigt

Pflegebedürftigkeit ist kein Phänomen des Alters – sie betrifft auch junge Menschen. Mit ihren verschiedenen Schwerpunkten im Bereich Wohnen und Pflege gehen die Malteser auf individuelle Bedürfnisse ein.

Duschen, Kochen, Treppensteigen: Obwohl diese Aktivitäten für den Großteil der deutschen Bevölkerung ganz alltäglich sind, stellen sie für Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen nicht selten unüberwindbare Herausforderungen dar. Die nötige Unterstützung? Bieten in Deutschland rund 1,6 Millionen Pflegekräfte. Sie kümmern sich in Pflegeheimen, Tagespflegeeinrichtungen und ambulanten Pflegediensten um die Versorgung von rund 3,4 Millionen Pflegebedürftigen. Tendenz: steigend. „Dass die Zahl der pflegebedürftigen Menschen seit Jahren
kontinuierlich steigt, hat sicherlich auch mit dem demografischen Wandel zu tun“, ist Stefan Nolte, Leiter des Referates der Altenhilfe der Malteser Deutschland, sich sicher. „Unsere Gesellschaft wird immer älter – und mit dem Alter steigt leider auch das Risiko für Multimorbidität.“ Kein Wunder also, dass die klassische Altenhilfe bei den Maltesern bereits seit Jahren zu den Schwerpunkten im Bereich Wohnen und Pflege gehört. „Sie sollte aber niemals der einzige Schwerpunkt sein“, stellt Nolte klar. „Schließlich ist
Pflegebedürftigkeit nicht nur ein Phänomen des Alters.“ Tatsächlich sind auch zahlreiche junge Menschen betroffen – etwa aufgrund einer angeborenen Behinderung, einer chronischen Krankheit oder eines folgenschweren Unfalls. Knapp 400.000 sind es bundesweit. Ihre Pflege? Übernehmen meist die Eltern und Geschwister. Alternativen dazu gibt es kaum. „Leider ist es gesellschaftlich immer noch nicht gut angesehen, das eigene Kind in ein Pflegeheim zu geben. Selbst wenn man sich irgendwann doch für diesen Schritt entscheidet: Für Menschen zwischen 18 und 64 gibt es kaum passende Pflegeangebote“, berichtet Nolte.

Stefan Nolte, Referatsleiter Altenhilfe der Malteser Deutschland

Bundesweiter Mangel an Angeboten

Diesen Eindruck belegt auch eine Studie der Barmer. Laut ihr fehlten allein im Jahr 2017 rund 4.000 teilstationäre und 3.400 Kurzzeitpflegeplätze für junge Menschen. Ein Ende des Mangels? Ist nicht in Sicht – auch weil kaum neue Einrichtungen gegründet werden, die den Bedarf in absehbarer Zukunft decken könnten. „In vielen Regionen haben junge Pflegebedürftige deshalb nur eine Wahl: Entweder sie bleiben bei ihren Eltern oder sie ziehen in eine Altenhilfeeinrichtung“, weiß Nolte. „Ein selbstbestimmtes Leben, bei dem man auch ganz individuelle Interessen verfolgen
kann, ist in beiden Fällen selten möglich.“ Anders ist das im nordrhein westfälischen Dormagen. Ergänzend zur Altenhilfe bieten die Malteser hier seit 2011 auch den Schwerpunkt der sogenannten Jungen Pflege an. 17 Plätze bietet das Malteserstift St. Katharina seitdem – und geht bei der vollstationären Pflege der jungen Menschen intensiv auf deren individuellen Bedürfnisse ein. „Am Anfang hatten wir keine Ahnung, was uns erwarten würde“, erinnert sich Barbara Caron, Hausleitung des
Malteserstifts St. Katharina. „Es gab lediglich ein Konzept – und das galt es, um wertvolle Erfahrung zu ergänzen.“ Keine einfache Aufgabe für Caron und ihr Team – auch weil junge Menschen ganz andere Vorstellungen von Pfleg haben als alte. „Senioren freuen sich über alles, was sie noch selber machen können. Und weil sie niemandem zur Last fallen möchten, sind sie häufig sehr genügsam“, berichtet Caron. „Bei unseren jungen Bewohnern sieht das anders aus. Sie fordern mehr und individuellere Leistungen ein, wie etwa aufwendig schminken und frisieren, mehrfache Kleiderwechsel im Laufe des Tages und eine Einzeltherapie außerhalb des eigenen Zimmers.“

An Herausforderungen wachsen

Vor allem für Pflegekräfte, die bislang nur mit alten Menschen zusammengearbeitet haben, eine echte Herausforderung – die durchaus auch zu Konflikten führte. „In den ersten beiden Jahren gab es viele Beschwerden bei der für das Wohn- und Teilhabegesetz zuständigen Behörde“, erinnert sich Caron. „Aber wir wurden wirklich gut begleitet– schließlich mussten auch die Ansprechpartner dort erst einmal die speziellen Erwartungen und Probleme der jungen Menschen kennenlernen.“

Heute setzt Caron im Bereich der Jungen Pflege nur noch solche Pflegekräfte ein, die sich den besonderen Anforderungen gewachsen fühlen. „Man braucht eine hohe Frustrationstoleranz – denn es kommt häufig vor, dass Angebote abgelehnt werden und eigentlich vorhandene Potenziale ungenutzt bleiben.“ Vor allem um Letzteres zu verhindern, holte der Geschäftsbereich die Wiedereingliederungshilfe mit ins Boot. Das Ergebnis sind individuelle Zielvereinbarungsgespräche, in denen sich die jungen Pflegebedürftigen regelmäßig realistische Ziele setzen – wie etwa selbstständig vom Bett in den Rollstuhl zu kommen.
Ebenso wichtig ist es, die eigenen Grenzen zu kennen. „Weil wir im Rhein-Neuss-Kreis aktuell die einzige Einrichtung für junge Pflegebedürftige sind, können wir nicht allen helfen“, sagt Caron. Ist das der Fall – etwa weil die
psychischen Probleme irgendwann schwerer wiegen als die körperlichen oder das soziale Umfeld des Bewohners die Arbeit der Pfleger unmöglich macht – können sich die Wege auch schon einmal trennen. „Ganz selten kommt es auch vor, dass die vollstationäre Pflege nicht mehr benötigt
wird“, sagt Caron. „Für diese Fälle haben wir seit Sommer 2019 ein weiteres Angebot im Portfolio: das Junge Wohnen.“ Dafür haben die Malteser die Anlage des Malteserstifts St. Katharina um einen Neubau mit zehn rollstuhlgerechten Wohnungen ergänzt. Serviceleistungen – wie
der Hausnotruf des Malteser Hilfsdienstes, die Versorgung mit Frühstück und Mittagessen oder eine Putzfrau – lassen sich auf Wunsch dazubuchen.
„Aktuell sind sechs der Wohnungen vermietet“, berichtet Caron. „Jede von ihnen verfügt über eine eingebaute Küchenzeile – und im Mietpreis ist auch der Hausmeister- Service, die Fensterreinigung, die Nutzung der Gemeinschaftsräume, verschiedene Beratungsangebote sowie ein
regelmäßiges Freizeitprogramm enthalten.“ Auch wenn ein Großteil der jungen Pflegebedürftigen finanziell meist wenig Spielraum hat: Die eigene Wohnung empfinden fast alle als ein Stück unbezahlbare Lebensqualität.

Ein ganz neues Lebensgefühl

So auch Marianne Schulpin, die kurz nach der Eröffnung in den Neubau gezogen ist. „Ich freue mich auf meine neue Selbstständigkeit“, sagt sie. Denn tatsächlich bietet das Konzept des Jungen Wohnens der 55-Jährigen zahlreiche neue Möglichkeiten. „Das beginnt schon bei den sozialen
Kontakten“, weiß Barbara Caron. „Denn in den Gemeinschaftsräumen treffen die Bewohner auf gleichaltrige Menschen mit ähnlichen Problemen – und auch wenn sicher nicht jeder jeden mag, kommt es durchaus vor, dass sich Freundschaften entwickeln.“

Endlich auf eigenen Beinen stehen

Hinzu kommt ein neues Gefühl von Sicherheit. Ganz gleich, ob der Aufzug kaputt, die Toilette verstopft oder eine Glühbirne defekt ist: Jedes Problem wird innerhalb kürzester Zeit ganz ohne lange Diskussion behoben. „Das und die Tatsache, dass manche Bewohner zum ersten Mal auf eigenen Beinen stehen, sorgt dafür, dass sie ein ganz anderes Selbstwertgefühl entwickeln und sich endlich als vollwertige Person wahrnehmen“, berichtet Caron. Auch deshalb ist die Heimleiterin überrascht, dass noch nicht
alle Wohnungen vermietet sind. „Ich glaube, dies liegt an zwei Faktoren: zum einen an den gesellschaftlichen Erwartungen, die auf den Familien lasten. Sie machen es für viele Eltern schwer, ihr pflegebedürftiges Kind in die Eigenständigkeit zu entlassen. Und zum anderen liegt es sicherlich auch daran, dass es nur wenige Pflegeangebot speziell für junge Menschen gibt. Finden sie ein passendes Angebot, ist das meist kilometerweit von ihrem Heimatort entfernt. Und der Umzug hat oft den Verlust des sozialen
Umfelds zur Folge. Dieses Risiko möchten viele Betroffene wahrscheinlich nicht eingehen.“

Das Konzept des jungen Wohnen bietet den Pflegebedürftigen viele Möglichkeiten.
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