Psychosoziale Counseler bei der Arbeit
ALLGEMEIN

Unterstützung auf Augenhöhe

Seit letztem Jahr kümmern sich in Rostock Menschen mit Migrationshintergrund um die psychosoziale Versorgung von Geflüchteten. Das Ziel: die Selbstwirksamkeit von Neuankömmlingen stärken und ihnen so die Integration erleichtern. Eine Win-win-Situation – für Geflüchtete, Counselor und die Gesellschaft.

Ob Heimatverlust, Identitätskrise oder häusliche Gewalt: Es gibt kaum ein menschliches Schicksal, dem Feven Weldu Semerab und Ali Darrej bei ihrem Einsatz in Flüchtlingsunterkünften in Mecklenburg-Vorpommern noch nicht begegnet sind. „Vor allem am Anfang sind mir die Notlagen der Geflüchteten sehr nah gegangen“, gibt Semerab zu. Kein Wunder, ist sie doch selbst erst vor drei Jahren aus ihrer Heimat Eritrea nach Deutschland geflohen. „Die erste Zeit ist schwer“, bestätigt auch Darrej, der vor vier Jahren vor dem Krieg in Syrien floh. „Alles in Deutschland ist anders als zu Hause: die Sprache, die Kultur, die Menschen. Da fühlt man sich als Neuankömmling schnell überfordert und ohnmächtig.“ Ein ungesicherter Aufenthaltsstatus, eine fehlende Arbeitserlaubnis und mangelnde Sozialkontakte verstärken diesen Effekt – und sorgen bei vielen Geflüchteten für Ängste, Frust und Einsamkeit.   

  

Feven und Ali

Um dieser Entwicklung frühzeitig etwas entgegenzusetzen, kooperieren die Malteser Werke in Mecklenburg- Vorpommern seit Ende 2018 mit IPSO – International Psychosocial Organisation. Das Ziel des gemeinsamen Pilotprojekts: die psychosoziale Versorgung von Geflüchteten verbessern – durch Menschen mit gleichem oder ähnlichem Migrationshintergrund. „Mit diesem muttersprachlichen Beratungsangebot auf Augenhöhe ist IPSO bereits seit 2008 in Afghanistan sehr erfolgreich“, weiß Charleen Brügmann, Projektleiterin Psychosoziale Versorgung bei den Malteser Werken in Rostock. Aber auch in Berlin, Thüringen und Hamburg wurde das Konzept von IPSO eingeführt, dort gibt es IPSO Care Center mit persönlicher Beratung für Menschen in   schwierigen Lebenslagen. „Der Bedarf ist groß, denn es gibt in Deutschland eine Versorgungslücke in diesem Bereich – lange Wartezeiten, unüberwindbare Sprachbarrieren und fehlendes Vertrauen machen eine schnelle Hilfe so gut wie unmöglich.“   

Seit knapp einem Jahr steht Feven Weldu Semerab Geflüchteten mit psychosozialem Counceling zur Seite.

Neue Kraft schöpfen

Dabei wäre die sehr wichtig, wie das Pilotprojekt seit seinem offiziellen Start im Februar 2019 beweist. „In vielen Fällen sorgt schon das intensive Gespräch mit einem Counselor, also einem psychosozialen Berater, dafür, dass die Geflüchteten sich öffnen, schwierige Erlebnisse verarbeiten und damit neue Kraft für die Integration schöpfen“, ist Brügmann sich sicher. „Eine Therapie wird nur noch selten gebraucht, weil sich durch die schnelle Unterstützung psychische Krankheiten wie Depressionen und posttraumatische Belastungsstörungen gar nicht erst entwickeln.“ Damit das so bleibt, achten alle Projektbeteiligten auf eine solide Ausbildung und die regelmäßige Überprüfung der Beratungsqualität. „Alle zehn Counselor, die wir gemeinsam mit den Maltesern in Mecklenburg- Vorpommern einsetzen, verfügen über eine psychologische, pädagogische oder soziale Vorbildung und haben eine zwölfmonatige Weiterbildung bei uns durchlaufen“, berichtet Lothar Dunkel, Kursleiter und ehemaliger Leiter der Schulpsychologie in Münster. Die gesamte Weiterbildung basiert auf der von IPSO-Gründerin Inge Missmahl entwickelten psychodynamischen Kurzzeitintervention Value Based Counseling (VBC), die sich bereits in vielen Ländern bewährt hat. In einer dreimonatigen Theoriephase werden neben theoretischem Wissen zu psychosozialer Arbeit und Psychologie auch praktische Fähigkeiten wie Kommunikations- und Interventionstechniken vermittelt. „Ein zentraler Aspekt ist die Selbsterfahrung“, so Dunkel. „Eigene Erlebnisse, Werte und Vorurteile werden bewusst reflektiert, um die Counselor auf ihre Arbeit vorzubereiten und sie nachhaltig zu stärken.“ Erst danach schließt eine neunmonatige Praxisphase an, während der die Counselor die ersten Flüchtlinge betreuen. „Das Angebot bekannt zu machen, war eine Herausforderung“, erinnert sich Semerab. „In meiner Kultur spricht man nicht über sich und seine Gefühle – die Hemmschwelle, ein solches Angebot anzunehmen, ist dementsprechend groß.“ Um sie zu senken, gingen die Counselor von Tür zu Tür, stellten sich in ihrer Muttersprache vor und machten ein unverbindliches Angebot zu reden. „Meist hatten die Leute zuerst ganz andere Anliegen. Fragen zur Sozialhilfe oder zum Aufenthaltstitel. Weil wir dabei nicht helfen können, habe ich sie an die richtigen Ansprechpartner verwiesen. Aber sie merkten: Ich schenke ihnen Zeit, höre aufmerksam zu und werte nicht – deshalb sprachen sie nach ein oder zwei Sitzungen auch über ihre anderen Probleme“, sagt Semerab. Die gleiche Sprache und Kultur, identische Werte, ähnliche Erfahrungen – all das sorgt für Vertrauen und ein Gefühl von Verbundenheit.

Missverständnisse vermeiden

„Eine solche Verbindung aufzubauen, ist für uns und die Sozialarbeiter unmöglich“, glaubt Kathrin Braun, Einrichtungsleiterin der Gemeinschaftsunterkunft in Bad Doberan. „Uns fehlt nicht nur häufig die Zeit, viele Flüchtlinge glauben auch, dass wir für die Behörden arbeiten – und mit denen machen sie leider nicht immer gute Erfahrungen.“ Solche Missverständnisse aus dem Weg räumen? Gestaltet sich schwierig, auch auf-grund von kulturellen und sprachlichen Unterschieden. Auch deshalb ist sie dankbar für den Einsatz der Counselor in ihrer Einrichtung. „Plötzlich kommen hier regelmäßig Menschen vorbei, die insgesamt 15 Sprachen sprechen – und uns genau sagen können, was unsere Bewohner brauchen. Das erleichtert den Alltag ungemein“, sagt Braun. Hinzu kommt, dass sie bei dringenden Bedarfsfällen auch kurzfristig die Betreuung durch einen Counselor anfragen kann, der dann entweder vor Ort, telefonisch oder online per Video- Chat über eine von IPSO betriebene Plattform mit dem Bewohner spricht. 

Veränderung anstoßen

Rund drei bis vier Sitzungen pro Tag absolvieren die Counselor seit Beginn der Praxisphase. „Wir schenken den Geflüchteten die Ermutigung, die sie brauchen“, glaubt Darrej, „zeigen ihnen, dass es viele Möglichkeiten gibt, ein Problem zu lösen. Dass sie über Ressourcen und Fähigkeiten verfügen, die sie nur nutzen müssen. Und helfen ihnen so, neue Hoffnung zu schöpfen und Herausforderungen aktiv anzugehen.“ Auch wenn diese Veränderung meist länger als eine Sitzung braucht: Die VBC ist eine Kurzzeitintervention – die Betroffenen werden vom Counselor unterstützt, auf ihre Ressourcen zurückgreifen zu können und eigenständig Lösungen zu entwickeln, damit sie ihre Lebenssituation wieder aktiv gestalten und in ihrem Sinne positiv beeinflussen können. 

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