ALLGEMEIN, HOSPIZARBEIT UND PALLIATIVMEDIZIN

Das Glück, das wir haben

Jean-Claude Rousseau war sein Leben lang unabhängig. Begleitet zu werden war ihm suspekt. Dann traf er Bernd Unkelbach und damit nicht nur einen Sterbebegleiter, sondern auch Lebensbegleiter. Das ist manchmal schwierig, aber meistens sehr schön.

Wie sind Sie zueinandergekommen? Bernd Unkelbach Wir kennen uns seit zwei Jahren. Bei unserem Kennenlernen war die Stimmung ziemlich bedrückend. Das ist halt so. Man ist sehr aufgeregt. Jean-Claude wollte zuerst keine Begleitung. Das war schon irgendwie komisch. Wir sind trotzdem zusammengekommen – bei einem Kaffee und über die Themen, die uns gemeinsam berühren. Wir haben ganz viele gemeinsame Themen: Er malt, wir fotografieren, dann kochen wir gerne, sind beide technikaffin. Am Anfang wusste ich noch nicht, dass alle Bilder, die hier hängen, selbst gemalt sind. Als Jean-Claude das sagte, dachte ich: Boah, das ist ja fantastisch. Ich habe ihn gefragt: „Wie fängt man denn ein Bild überhaupt an?“ Und Jean-Claude sagte: „Immer links oben.“ Dann war das Eis gebrochen. In der darauffolgenden Woche bin ich für drei Stunden hingefahren. Seitdem sind wir ein Herz und eine Seele.

Bernd, Vera und Jean-Claude (v.l.n.r.) bei Familie Rousseau zuhause.

Jean-Claude, warum wollten Sie nicht begleitet werden? Jean-Claude Rousseau Weil ich das nicht gewohnt bin. Ich bin das Gegenteil gewohnt. Und was soll ich mit Begleitung? Ich kann laufen, ich kann allein essen und trinken. Aber manchmal sitzt man da und weiß nichts mit sich anzufangen. Da ist es vielleicht doch ganz gut, wenn mal einer kommt, mit dem man ein bisschen Quatsch reden kann.

Ist das schon eine Liebeserklärung? Jean-Claude So weit wollen wir es nicht treiben. Bernd Da würden unsere Frauen glaube ich eifersüchtig werden.

Vera, Sie hatten die Idee der Begleitung? Vera Rousseau Ich war fünf Wochen zur Reha, Jean-Claude war fünf Wochen allein. Es waren immer Leute hier. Der eine hat gekocht, der eine hat gespült, einer hat ihn geduscht, einer hat Tabletten gebracht, aber mehr nicht. Der Palliativdienst aus Unna kam auf mich zu und fragte, ob ich Hilfe brauche. Ich habe gesagt: „Es wäre nicht schlecht, wenn jemand kommt. Es sollte am besten ein Mann sein.“ Innerhalb von ein paar Tagen hatten wir die Begleitung. Das ging ganz schnell. Jean-Claude sagte: „Was schickst du mir hier Leute hin? Nein, will ich nicht. Was soll ich denn damit?“ Jean-Claude Naja, überleg mal. Du hast das von Anfang an allein gemacht.

Seit fast zwei Jahren treffen Sie sich nun jeden Mittwoch. Bernd, warum haben Sie die Ausbildung zum Sterbebegleiter gemacht? Bernd Einfach als Dankeschön. Meine Frau und ich, wir haben uns selbst in den Ruhestand versetzt. Das Glück, dass wir das konnten, wollen wir an die Gesellschaft zurückgeben. Ich habe mich gefragt: Wo werden die meisten Leute gebraucht? Und das war hier, in der ambulanten palliativen Begleitung. Ich gehe jeden Mittwoch mit einem erfüllten Blick nach Hause. Ich freue mich, dass ich Menschen kennen gelernt habe, denen ich helfen kann. Jean-Claude hat bisher ein ganz tolles Leben gehabt. Wenn er einen guten Tag hat, erzählt er, und das finde ich toll. Und bei jedem Erzählen denke ich: Was für ein fantastischer Mann, was er so erlebt hat. Er hat ein unheimlich breit gefächertes Wissen. Das findet man sehr selten.

Sie begleiten, weil Sie etwas zurückgeben wollen. Es klingt, als würden Sie auch ganz viel bekommen. Bernd Das ist ja auch so. Es ist ein Geben und ein Nehmen. So eine Begleitung funktioniert nur, wenn man auf Augenhöhe ist. Erst dann weiß ich, dass ich ihn verstehe. Manchmal muss Jean-Claude auch nicht mehr reden. Manchmal sehe ich schon an den Augen, dass er heute einen schlechten Tag hat oder dass er etwas anderes möchte. Das klappt nur, wenn man sich gut versteht.

Jean-Claude, empfinden Sie das auch so? Jean-Claude Mittlerweile ist die Begleitung eine Bereicherung, ja. Wir leben einfach so miteinander, sind gern fröhlich miteinander. Wir erzählen uns manchen Blödsinn. Aber Bernd, was mir an deiner Aussage vorhin nicht so gefiel, ist, dass du meinst, der Gesellschaft etwas zurückgeben zu müssen. Das hast du dir erarbeitet. Da hat dir niemand etwas geschenkt vorher. Bernd Ja, da hab ich mich vielleicht nicht so toll ausgedrückt. Aber dennoch denke ich, dass es meine Pflicht ist, etwas zurückzugeben. So bin ich erzogen worden. Ich könnte mich auch in den Garten setzen und einen Caipirinha trinken. Wenn alle das machen würden, dann würde unsere Gesellschaft ja zusammenbrechen. Wir sind überall auf die Ehrenamtlichen angewiesen.

Vielleicht macht im Garten sitzen ja auch nicht so viel Spaß wie hier auf dem Sofa zu sitzen? Bernd Ja. Ja, genau. Jean-Claude Der sitzt aber gerne in seinem Garten. Bernd Das mache ich auch, ja. Aber ich sitz auch ganz gerne hier.

Jean-Claude, was macht es so schwer, Hilfe anzunehmen? Vera Zu sagen, dass du Hilfe brauchst. Das kannst du nicht. Jean-Claude Ja, das stimmt. Es ist so Gewohnheit. Ich war lange allein, nur in den letzten Jahren nicht mehr … Wie lange sind wir verheiratet? Bernd Das war die falsche Frage. Jean-Claude Ach, papperlapapp. Bevor wir geheiratet haben, war ich jahrelang solo. Vera Ja, so lange wie mit mir hast du es noch mit keiner ausgehalten. Jean-Claude Und keine hat es so lange mit mir ausgehalten. Ich hatte immer ein bisschen die Befürchtung, bedrängt zu werden. Dass da immer jemand neben mir steht und mir was Gutes will. Und das kann einem ja so auf die Nerven gehen.

Jetzt haben Sie Glück, dass Sie jemanden gefunden haben, der Sie nicht nervt. Jean-Claude Ja.

Sie sind in Frankreich geboren. Wie sind Sie dann nach Schwerte gekommen? Jean-Claude Ich war neun Jahre alt, lebte damals in Paris. Meine Eltern haben sich getrennt. Meine Mutter ist mit mir zurück nach Kassel zu meiner Großmutter. Meine Mutter war Deutsche, mein Vater war Franzose. Daher habe ich die französische Staatsangehörigkeit. Ich war in Köln, Frankfurt, München – mit meiner Mutter, und später auch allein. Ich bin gern durch die Gegend gefahren, habe mir andere Städte angeguckt. Irgendwann kam ich nach Dortmund. Da war meine erste Ehe. In Essen war meine zweite Ehe. Und irgendwann habe ich Vera getroffen in Schwerte und bin immer hin und her gefahren. Essen – Schwerte, das kostet Geld. Ja, und dann bin ich einfach mal hier geblieben und wir haben geheiratet. Gut, ich hatte eine kleine Bude in Essen. Ich hatte nicht viel zu verlieren. Dann habe ich meine Koffer gepackt und bin hierher gezogen.

Das Malen haben Sie sich selbst beigebracht? Jean-Claude Ja. Ich hab mir ein Buch gekauft und ein bisschen geübt und gemacht. Ob das Malen gelingt, hängt auch davon ab, ob ich einen guten Tag oder auch Tage habe, um ein Bild wirklich fertig zu kriegen. Ich habe gerade eins in Arbeit. Ich hab das Gefühl, ich muss das wegschmeißen. Vera Ich hab gesagt, er muss malen. Er kann ja nicht den ganzen Tag hier auf der Couch sitzen. Jean-Claude Jaja, sie treibt mich manchmal. Ist auch gar nicht so falsch. Bernd Ich finde das beeindruckend, dass du malst. Ich hab überhaupt gar keine Ambitionen zu malen. Jean-Claude Dann schreib doch Gedichte. Bernd Ah, ne. Das sagst du so einfach. Sich das Malen selbst beizubringen, das ist für mich unvorstellbar. Vera Jean-Claude hat mal einen Zeichenkurs gemacht, drei Wochen lang. Jean-Claude Ja, ach ja. Der arme Dozent, der hatte einen Herzinfarkt. Dann war der Kurs zu Ende, weil er gestorben ist.

Bernd, aus Ihnen spricht ganz viel Bewunderung. Bewunderung für das, was Jean-Claude geleistet hat, was er macht, wie er es macht. Bernd Ja. Jean-Claude Nun ist aber genug. Bernd Es ist ja auch außergewöhnlich, wie er sein Leben so gemeistert hat. Das Spannende bei unserer Begleitung ist, dass wir uns kennen gelernt haben in einem Stadium, in dem Jean-Claude und ich noch erzählen können. Unsere Begleitung basiert auf Vertrauen. Dafür bin ich sehr dankbar. Wobei es natürlich auch Gefahren birgt über diesen langen Zeitraum.

Ist das schwierig? Zu wissen, dass die Begleitung endlich ist? Bernd Ja, sicher. Das ist natürlich immer ein Spagat. Wenn man merkt, dass man loslassen muss, ist das im ersten Moment natürlich schwierig. Aber ich weiß, dass ich jederzeit zu jemandem gehen kann und bei den Maltesern ein offenes Ohr finde. Das Tolle ist ja: Weil wir uns schon so lang kennen, habe ich ganz viel begleitet – auch mal schwere Stunden. Jean-Claude hat heute einen sehr, sehr guten Tag. Manchmal sitzt er hier mit Sauerstoffschlauch und kann kaum reden. Und das ist auch gut, wenn wir uns dann nur angucken. Manchmal schläft er auch. Dann habe ich ein Buch mit oder ich sitze draußen im Garten.

Ist der Tod Thema zwischen Ihnen? Bernd Ab und zu mal. Jean-Claude kann über Tod und das darüber hinaus nicht so gut reden, weil er sich damit nicht abfinden kann. Das habe ich akzeptiert. Er weiß, dass er mich jederzeit anrufen kann. Meine Aufgabe ist es, da zu sein, wenn er jemanden braucht. Jean-Claude Der Tod kommt irgendwann. Also was soll ich mir meinen Kopf zerbrechen? Irgendwann falle ich um und dann ist Ende.

Bernd, wollen Sie dabei sein, wenn Jean-Claude stirbt? Bernd Ja. Jean-Claude So? Du, das kann lange dauern. Bernd Das macht mir doch nichts. Jean-Claude Na ja, vielleicht dauert es auch nicht lange. Dann falle ich gleich morgen schon um. Aber gut, dann machen wir das. Bernd Wir wollen auch nicht drängeln. Vor ein paar Monaten hast du noch nicht einmal daran gedacht, dass du deine Malsachen noch mal rausholst. Da hast du gedacht, die könnten alle weg. Und jetzt ist schon ein Drittel deines Bildes fertig.

Jean-Claude, motiviert Bernd Sie? Jean-Claude Ich glaube, irgendwann hat er mal damit angefangen. Er hätte es nicht müssen, aber es war ganz gut. Er hat mir einen Schubs gegeben. Bernd Das ist das Glück, das wir haben. Das passiert halt und das ist nicht erzwungen. Das ist Luxus. Jean-Claude Luxus? Bernd Ja. Ich glaube wir schaffen es auch noch, mit dem Rolli rauszufahren. Dann kannst du deinen Fotoapparat wieder rausholen. Und dann nehmen wir ein Stativ mit. Jean-Claude Ich habe meins neulich verkauft. Bernd Dann bringe ich meins mit.

Interview: Julia Knübel

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