Alter Mann sitzt auf einer Bank
ALLGEMEIN, SICH ENGAGIEREN

Einsamkeit im Alter. Was kann ein Besuchsdienst leisten?

Ältere, einsame Menschen sollen durch Besuch und Begleitung aktiv werden, weniger einsam sein und dadurch auch länger gesund bleiben. In einem Pilotprojekt unterstützt das Land Hessen zusammen mit den Pflegekassen den Ansatz der Malteser Besuchs- und Begleitungsdienste (BBD). Untersuchungsgebiet ist Wiesbaden.

Drei Jahre Zeit haben die Malteser, um mit wissenschaftlicher Begleitung durch die Katholische Hochschule Mainz zu zeigen, dass ihre Erfahrung auch objektiv richtig und wirkungsvoll ist. In Wiesbaden engagieren sich 25 Frauen und Männer zusammen mit einem erfahrenen Leitungsteam ehrenamtlich. Zwischen 68 und 100 Jahren alt sind diejenigen, bei denen die Ehrenamtlichen mindestens einmal die Woche an der Tür klingeln. Rolf Bescht, stellvertretender Landesbeauftragter für Hessen, leitet seit mehr als zehn Jahren den BBD. Er sagt: „Wir können nicht zulassen, dass ältere Menschen, weil sie einsam sind, krank werden.“

Wie wertvoll diese Aufgabe ist, belegen auch Psychologen. Maike Luhmann, Psychologie-Professorin an der Ruhr-Universität Bochum, widmet sich seit einigen Jahren dem Thema Einsamkeit. In einem Aufsatz schreibt sie: „Menschen ab 80 Jahren sind laut unserer Forschung auch die Altersgruppe, die am stärksten von Einsamkeit betroffen ist. Wir schätzen, dass circa 20 Prozent der Personen in dieser Gruppe sich zumindest manchmal einsam fühlen.“ Die Psychologin weiß: „Anhaltende Einsamkeit kann zu schwerwiegenden körperlichen und psychischen Problemen und sogar zu einer verringerten Lebenserwartung führen. Es ist also ein gesellschaftliches Problem.“ Hessens zuständiger Minister für Soziales und Integration, Stefan Grüttner, sieht das genauso. Grüttners Haus unterstützt seit September das Modellprojekt mit 280.000 Euro, „um Forschungen hierzu zu fördern und neue Konzepte daraus zu entwickeln. Unser Ziel ist, betroffenen Menschen einen Weg zurück in die Gesellschaft zu ermöglichen.“ Von den 278.000 Einwohnern Wiesbadens leben gut sechs Prozent über 65 Jahren allein. Deutschlandweit gibt es ähnliche Zahlen: hier sind es sieben Prozent. Tendenz steigend.

Zunächst nur für die ohne Angehörige

Den Maltesern in Wiesbaden geht es zunächst um diejenigen, die zuhause, in den eigenen vier Wänden leben und keine Angehörigen mehr haben. „Sie sind nicht die einzigen in der Altersgruppe über 65 Jahren. Auch diejenigen, deren Kinder zum Beispiel weit entfernt wohnen oder durch berufliche und familiäre Pflichten nicht mehr viel Zeit für die Eltern haben, können einsam sein. Aber wir müssen uns bisher aus Kapazitätsgründen zunächst auf die erste Gruppe konzentrieren“, sagt Rolf Bescht. „Wenn wir genügend Helfer haben, kümmern wir uns auch um die anderen.“

Bescht, 71 Jahre alt, sieht die Malteser als Teil eines Geflechts, das sich der einsamen Älteren annimmt. Er lobt die Zusammenarbeit mit der städtischen Abteilung für Altenarbeit. „Nachdem die zu unterstützende Person zugestimmt hat, uns die Telefonnummer und Adresse zu geben, vereinbaren wir ein persönliches Gespräch zuhause, um uns über die Lebensumstände zu informieren.“ Bescht sucht einen Ehrenamtlichen aus, der einen ersten Besuch bei der einsamen Person macht und feststellt, ob Besuchter und Ehrenamtlicher „zusammenpassen.“  Bisher macht der BBD-Leiter das Vermitteln noch selbst. Schon bald wird die hauptamtliche BBD-Mitarbeiterin, die im Modellprojekt finanziert wird, diese Aufgabe übernehmen, weil auch er als Ehrenamtler mit 25 Engagierten an seine Grenzen stößt.

Die Frauen und Männer des BBD haben ein offenes Ohr und gehen mit viel Einfühlungsvermögen auf die persönliche Lebenssituation der älteren Menschen ein. Sie bieten Raum für die persönlichen Bedürfnisse, für die Lebensgeschichte und das aktuelle Befinden. Kleine Handreichungen im Alltag, ein Spaziergang ins Grüne, ein Besuch im Stadtcafé bereiten Lebensfreude und stimmen zuversichtlich. Die Helfer unterstützen so ein selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden und schlagen dadurch eine Brücke in das gesellschaftliche Leben.

Wer ist einsam, wer nicht?

Einsamkeit lässt sich nicht einfach so definieren. Fachleute sagen, dass nur im persönlichen Gespräch herauszufinden ist, ob jemand über zu wenige soziale Kontakte verfügt und sich deswegen als „allein“ empfindet. Psychologin Maike Luhmann macht aber auch klar: „Einsamkeit ist nicht gleich Alleinsein. Wer allein lebt, nur wenige enge Freunde hat oder sogar bewusst von Zeit zu Zeit Distanz zu anderen Menschen hält (zum Beispiel in der Natur), empfindet sich noch lange nicht als einsam. Davon sprechen wir in der Wissenschaft erst dann, wenn Menschen das Gefühl haben, dass Quantität und Qualität ihrer sozialen Beziehungen nicht ausreichen und sie unter einem Mangel an Zugehörigkeit leiden.“

Besuchsdienste weiterentwickeln

Weil Einsamkeit die psychische und physische Gesundheit bedroht, steigt oft auch die Pflegebedürftigkeit der Betroffenen. Auch die Pflegekassen haben also ein starkes Interesse daran herauszufinden, auf welchen Wege Einsamkeit verhindert werden kann. Das Modellprojekt trägt dem Rechnung und richtet seinen Blick in die Zukunft: Herausfinden wollen Praktiker und Wissenschaftler, wie die bestehenden, Angebote für ältere, pflegebedürftige und alleinstehende Menschen so ausgebaut werden können, dass sie wachsenden Bedarf decken können und für zukünftige Herausforderungen qualifiziert sind. Rolf Bescht sagt: „Es muss vor Ort immer ein Netzwerk geben, das dafür sorgt, dass betroffene Menschen schnell Helfer finden, die ihnen den Zugang zu den unterschiedlichen Angeboten ermöglichen.“

Helferin der Malteser mit einem von ihr besuchten Kunden.
Der Besuchs- und Begleitdienst der Malteser.

Qualifikation und Motivation

Die ehrenamtlichen Malteser im BBD in Wiesbaden kommen oft über persönliche Ansprache im Freundeskreis der Aktiven oder Freiwilligenzentralen, die gezielt auf die Malteser verweisen. Meist melden sich Menschen über 40 Jahren, die vom Einsamkeitsproblem in ihrer Heimatstadt berührt sind und anderen Menschen helfen wollen. Andere haben eine Art schlechtes Gewissen gegenüber der Großeltern-Generation, das sie mit ihrem ehrenamtlichen Engagement besänftigen wollen. Die Qualität der Begleitung wird durch Befragung des Klienten und des Ehrenamtlichen festgestellt. Beide müssen eine ähnlich wertvolle Einschätzung der Besuche haben. Dabei ruft die BBD-Leitung die besuchten einsamen Menschen auch halbjährlich an und erkundigt sich nach ihrem Befinden.

Um das Know-how und die Motivation der Ehrenamtlichen hoch zu halten, laden die Malteser sie alle drei Jahre zu einer Fortbildung ein. In der Malteser Akademie in Ehreshoven (nahe Köln) werden mehrere Tage lang wichtige Themen wie das Erkennen von und der Umgang mit depressiven oder demenziell erkrankten Menschen, die „Biographiearbeit“ sowie die „Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung“ behandelt. „Das kommt bei unseren Ehrenamtlichen sehr gut an“, berichtet Rolf Bescht.

Alle Infos zu den Besuchs- und Begleitdiensten der Malteser finden Sie hier: https://www.malteser.de/besuchs-begleitungsdienste.html

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