ALLGEMEIN, INTERNATIONAL

„Jubelschreie – Ein bewegender Moment!“

Rund 50.000 DDR-Bürger flohen im Sommer 1989 über Ungarn in die BRD. Unter ihnen der damals 7-jährige Journalist und Blogger Airen und seine Eltern. Was die kleine Familie auf ihrer Flucht damals erlebte, hielten die Eltern von Airen in einem Fluchtalbum eindrucksvoll fest. Bis zum Tag des Mauerfalls, am 09. November, folgen insgesamt vier Teile der Fluchtgeschichte.

Teil 2:

Tag 13:
04.09.1989Enttäuschung:
Keine Abreise. Es macht sich Enttäuschung breit. In der Hoffnung, dass die Ausreise bald erfolgt, gehen wir großzügig in der Stadt einkaufen. Meinen Sohn habe ich am Morgen gekitzelt, um Uwe zu wecken. Claudia empört sich allerdings über die „Rücksichts-
losigkeit“. Es regnet wieder. Wir haben beim Botschafts-
mitarbeiter vorgesprochen, da wir seit heute vermisst werden – es droht aber keine unmittelbare Gefahr. Die Clique hat wieder bis 02.30 Uhr gesoffen.
Tag 14:
05.09.198907.30 Uhr Neuigkeiten und gereizte Stimmung:
Wir sind früh aufgestanden. Habe Uwe und Claudia mit dem Radio geweckt. Mein Sohn und Bärbel sind beim Friseur gewesen. Unser Bargeld-
bestand liegt bei 1.500 Forint.
Botschafter war im Lager und teilte mit: „Alle Presse-
informationen sind „Enten“. Noch wurde keine Entscheidung getroffen und eine Lösung wird wahrscheinlich bis zum Herbst erwartet. Es wird nicht mit der DDR verhandelt. Die Hauptsache ist: Ruhe bewahren!“
Am Abend ist ein Versammlung in der große Halle: 3 Leute (wir vermuten Stasi) haben eine Petition an die ungarische Regierung verfasst. Die drei wollen sich nicht zeigen. Die Menschen rufen: „Zeigt euch!“ und „Lest vor!“ Einer kommt und liest vor. Der Text ist mit Schreib-maschine geschrieben. Anmerkung: Welcher Flüchtling hat eine Schreib-
maschine mit sich?! Petition enthält scharfe Verurteilung der DDR. Ist allerdings taktisch unklug. Der Verfasser wird „nieder-geschrien“. Er bietet an, den Zettel zu zerreißen, was auch getan wird. Die Stimmung ist sehr gereizt.
Tag 15:
06.09.1989Zunächst keine Abreise:
Es gibt keine Anzeichen einer bevor-
stehenden Abreise. Der „Stern“ veröffentlicht einen Artikel des ungarischen Innenministers, wonach die Zustimmung der DDR erforderlich wäre (etwa 4 bis 6 Wochen). Die DDR-Botschaft will vor dem Basislager einen Informations-
stand für „Rückkehr-willige“ in einem Wohnwagen eröffnen. Nachdem sich 2 Mitarbeiter die Zustimmung in der Pfarrei geholt haben und das Gebäude verlassen, werden sie von den Flüchtlingen beschimpft und verlassen fluchtartig und vor laufenden Kameras der Presse das Gelände. Der Wohnwagen bleibt leer und das Wetter wird etwas wärmer.
Held von Budapest stellte das Gelände seiner Kirche als erstes Malteser Lager zur Verfügung
Tag 15:
07.09.1989Weiter warten:
Haben den ganzen Tag keine Nachrichten gehört. Abends meldet die „Deutsche Welle“ ein ungarischer Regierungs-
sprecher habe erklärt, die humanitäre Ausreise würde noch einige Zeit auf sich warten lassen. Wir haben neue Hoffnungen.

Tag 16:
09.09.1989Neue Hoffnungen:
Das Radio verbreitet, dass die Ausreise unmittelbar bevorsteht.
Pressekonferenz – Links: Chef des Malteser Lagers, Rechts: Chefin der Malteser, Baronin Boeselager
Tag 17:
10.09.198911.00 Uhr Erleichterung und Tränen:
Presse-
konferenz. Eine Mitteilung, dass 6.500 Menschen in den Lagern sind. Vom 09. bis zum 10.09. sind 210 Menschen dazu-
gekommen. Die Presse wird informiert, dass über weitere Details um 18.00 Uhr gesprochen wird.
Presse wird gebeten, sich bis 19.00 Uhr zu gedulden, da dann Außenminister Horn eine Erklärung vorliest. Sind wieder ins Lager gefahren, der Platz ist voller Menschen und alle warten mit hoher Spannung. Herr Jansen, vom Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten, übergibt dem Roten Kreuz das Wort. „Das Rote Kreuz teilt mit, dass ab 24.00 Uhr die Grenzen offen sind und jeder das Land in jede Richtung verlassen kann“. Jubelschreie – ein bewegender Momente für uns. Vielen kommen die Tränen, fremde Menschen umarmen sich. Ich habe ein Gefühl wie nach der Geburt meines Sohnes.
Ich suche Lutz. Wir fallen uns in die Arme, sind glücklich und bewegt und uns laufen die Tränen. Sitzen bis 22.45 Uhr zusammen und trinken Sekt. Unsere Gedanken sind zu Hause. Ob sie auf uns anstoßen?

Tag 18:
11.09.1989Endlich Abfahrt:
Es war eine unruhige Nacht. Sind um 07.00 Uhr aufgestanden. Lutz bringt die Nachricht mit, dass zuerst die Leute aus den Zelten fahren dürfen. Ich wünsche mir wirklich so sehr, dass auch wir losfahren. Räumen den „Saustall“ von der Clique auf (ca. 120 Flaschen).
Es werden Busfahrkarten ausgeteilt. Familien mit Kindern fahren zuerst. Wir fahren mit Bus Nr. 3.
13.30 Uhr Wir sind in den Reisebus eingestiegen und verabschieden uns vom Küchen-
personal.
14.00 Uhr Abfahrt der ersten 5 Busse. Vor dem Lager sind viele Kameras aufgebaut und Budapester winken uns zu.
17.30 Uhr Unfassbar! Wir haben die ungarisch-
österreichische Grenze mit einem Personal-
ausweis der DDR passiert!

Wie es mit der kleinen Familie nach dem Grenzübertritt weitergeht und welche Hürden sie noch zu überwinden hat, erfahrt ihr im nächsten Blog-Beitrag!

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