ALLGEMEIN, SICH ENGAGIEREN

Mut zum Trauern

Die ehrenamtlichen Helfer im TrauerZentrum Oberberg begleiten durch schwierige Zeiten

900.000 Menschen sterben in Deutschland pro Jahr. Viele von ihnen hinterlassen Angehörige. Im TrauerZentrum Oberberg finden die Hinterbliebenen Hilfe – und Schritt für Schritt zurück ins Leben.

Es ist Dienstagabend, 18 Uhr – doch im Malteser TrauerZentrum Oberberg geht die Arbeit gerade erst los. Was ist Trauer? Was verändert sich durch den Verlust eines geliebten Menschen? Und wie begegnet die Gesellschaft Trauernden? Die Antworten auf diese Fragen gehören für die Teilnehmer zum Alltag. Denn jeder Einzelne von ihnen musste am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, wenn ein Familienmitglied stirbt. „Trauer hat sich zu einem Tabuthema entwickelt“, erläutert Conny Kehrbaum, Leiterin des TrauerZentrums. „In unserer Leistungsgesellschaft haben Krankheit, Tod und Leid keinen Platz mehr.“ Die Folge: Die meisten Menschen wissen nicht, wie sie mit Betroffenen umgehen sollen. Unsicherheit, Angst und Hilflosigkeit machen sich breit.

Eine Erfahrung, die auch Raphael Glöckner gemacht hat. „Mein Sohn und meine Mutter sind kurz nacheinander verstorben. Viele Menschen aus meinem Umfeld wussten danach nicht, wie sie mit mir umgehen sollten.“ Sie versuchten es mit gut gemeinten Ratschlägen, Kontaktvermeidung und Totschweigen des Themas. Auch darum verlor der 41-Jährige in der bislang schwierigsten Zeit seines Lebens die Hälfte seiner Freunde. „Das tut weh. Aber warum soll ich als Trauernder mich dafür entschuldigen, dass mir das alles passiert ist?“ Tatsächlich unterschätzen die meisten Menschen, wie überwältigend das Gefühl von Trauer sein kann. „Durch den Verlust eines geliebten Menschen wird man auch selbst aus dem Leben gerissen und muss sich dann Schritt für Schritt wieder zurückkämpfen“, berichtet Glöckner.

Am wichtigsten ist: Zuhören

Deshalb besteht die Aufgabe von einer hauptamtlichen Mitarbeiterin und zehn ehrenamtlichen Trauerbegleitern am TrauerZentrum Oberberg vor allem in einem: Zuhören. Denn für viele Trauernde ist das Zentrum der einzige Ort, an dem sie wirklich sie selbst sein können – mit all ihren Gefühlen und Problemen. „Den größten Teil unserer Arbeit machen Einzelbegleitungen aus“, erläutert Vera Richling, ehrenamtliche Trauerbegleiterin am TrauerZentrum. „Bei einem so persönlichen Thema wie der Trauer braucht es Zeit, bis man Vertrauen gefasst hat und bereit ist, sich zu öffnen.“ Sechs bis acht einstündige Sitzungen sind daher das Minimum.

Dass bislang jeder Trauernde die nötige Unterstützung gefunden hat, liegt nicht zuletzt an der sorgfältig vorbereiteten Zusammenstellung jedes Tandems. „Wenn sich ein Trauernder an uns wendet, führe ich zunächst ein Vorgespräch mit ihm“, erläutert Evelin Bottenberg, Koordinatorin im TrauerZentrum Oberberg, das Vorgehen. Erst dann fällt die 54-Jährige die Entscheidung, welcher Begleiter für welchen Trauernden infrage kommt.

„Der Schritt, sich Hilfe zu suchen, kostet Mut – das muss man anerkennen“, sagt Bottenberg. „Viele Trauernde kommen nur zu uns, weil unser Angebot für sie der letzte rettende Anker ist.“ Das war auch bei Glöckner so. „Mich hat die schiere Verzweiflung hergebracht. Ich wusste: Das schaffst du nicht alleine.“ Die Gepräche helfen ihm, mit der Trauer und ihren Auslösern umzugehen. Zusätzlich bietet das TrauerZentrum regelmäßig Trauerspaziergänge sowie einen offenen Trauertreff an. Zukünftig sollen auch kreative Angebote wie Bildhauerei und Tanz hinzukommen. „Wir wollen den Menschen einen Grund geben, aufzustehen und aus dem Haus zu gehen“, stellt Kehrbaum fest. „Denn auch wenn jeder Schritt Überwindung kostet – am Ende ist er ein Schritt zurück ins Leben.“

Weitere Informationen über das TrauerZentrum finden Sie hier: www.hospizarbeit-wiehl.de/trauerzentrum/ und über die Trauerarbeit der Malteser hier: www.malteser-hospizarbeit.de/trauerbegleitung/erwachsene.html

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