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Vor 30 Jahren: Malteser Nothilfe in Budapest

Wie ein Zeltlager zum Symbol für die Freiheit wurde

Als Csilla von Boeselager im Spätsommer 1989 einen Tisch vor dem Pfarrgarten der Zugliget-Kirche in Budapest aufstellte, war sicherlich niemandem klar, dass er ein erstes kleines Puzzleteil zum Mauerfall sein würde. Die deutsch-ungarische Malteserin hatte kurz zuvor mit dem Pfarrer der Gemeinde, Imre Kozma, dort den ersten Hilfsdienst der Malteser in den damaligen Ostblock-Ländern gegründet. Bei einem Besuch in der deutschen Botschaft am 13. August erfuhr sie zufällig von der dramatischen Situation der in der ungarischen Hauptstadt gestrandeten DDR-Bürger. Sie wollten nach Meldungen erster Grenzübertritte als Urlauber getarnt fliehen. So viele waren es inzwischen, dass die Botschaft wegen Überfüllung schließen musste.

Schnelle unbürokratische Hilfe ist gefragt

Csilla reagierte prompt und errichtete ein Flüchtlingscamp quasi aus dem Nichts. Sie aktivierte ihre Kontakte, orderte Malteser aus Deutschland samt Zelten, Verpflegung und Ausrüstung herbei, bettelte Solvente um Spenden an. Als nur wenige Tage später Wolfgang Wagner als Einsatzleiter aus München eintraf, war das Zugliget-Lager bereits überfüllt, und er ließ ein weiteres aufbauen. Ein drittes folgte. In den nächsten Wochen fanden dort mehr als 55.000 DDR-Bürger Schutz, Trost und ein vorübergehendes Zuhause. Denn der Strom der Fliehenden riss nicht ab. Im Gegenteil.

Presseleute am Eingangstor des Geländes der Zugliget-Kirche in Budapest, auf dem vom Malteser Hilfsdienst ein Flüchtlingslager für DDR-Bürger eingerichtet worden war.

Schnell verbreitete sich in der DDR die Nachricht, dass in Budapest ein sicherer Rückzugsraum entstanden war, auch bei Familie Schiller aus Gera „Es war eine nervenaufreibende und ängstliche Zeit“, sagt Uwe Schiller heute. „Aber dass wir den Weg in das Malteser Lager fanden, hat uns vieles erleichtert. Die Hilfe und Solidarität waren überwältigend.“

Csilla von Boeselager (3.v.l. vorne) mit den Helfern der Malteser

Seiner Frau Heide blieb vor allem Csilla in Erinnerung: „Sie hat für unsere Begriffe Übermenschliches geleistet.“ Nachdem die Freifrau am 10. September inmitten der Zeltlager-Bewohner die erlösende Fernsehbotschaft des ungarischen Außenministers Gyula Horn über freie Ausreise in den Westen übersetzt hatte, die im aufbrausenden Jubel fast unterging, fuhr auch Familie Schiller Richtung Westen. Doch kurz vor der Grenze winkte ihnen ein Mann stehenzubleiben – die Angst doch noch von der Stasi gefasst zu werden, ließ alle erstarren. Doch der Ungar überreichte ihnen zwei Stücke aus dem ungarischen Grenzzaun – zur Erinnerung.

Die Stacheldraht-Stücke hängen heute in ihrem Wohnzimmer und sind Teil der Ausstellung am 10./11. September in Berlin zum 30. Jahrestag der Hilfe der Malteser in Budapest. Sie zeigt die Geschichte der Hilfsaktion und ordnet sie ein in den großen Umbruch von 1989.

Mehr Informationen:
https://www.malteser.de/budapest1989

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