IM EINSATZ, SICH ENGAGIEREN

Schüler helfen Schülern

Platzwunden, Prellungen, Knochenbrüche: Jahr für Jahr gibt es mehr als eine Million meldepflichtige Unfälle an deutschen Schulen. Hinzu kommen unzählige Wehwehchen wie etwa Schürfwunden, Kopfschmerzen oder Kreislaufprobleme. „Trotzdem kann und möchte sich natürlich nicht jede Schule einen Schularzt oder eine Schulkrankenschwester leisten“, sagt Dennis Lindemann, stellvertretender Ortsbeauftragter bei den Maltesern im niedersächsischen Alfhausen. „Aber ein einfacher Schulsanitätsdienst sollte schon drin sein.“ Die Idee dahinter: Die Schulen machen sich den Wissensdurst und das große Engagement ihrer eigenen Schüler zunutze. „Innerhalb eines Halbjahres vermitteln unsere Ausbilder den Interessenten nicht nur grundlegende Erste-Hilfe Kenntnisse, sondern auch wichtiges medizinisches Fachwissen“, erläutert Lindemann. Haben die Schüler die Ausbildung zum Schulsanitäter erfolgreich abgeschlossen, können sie die häufigsten Verletzungen im Schulalltag sachkundig versorgen.

Immer und überall erreichbar

Wie gut das funktioniert, zeigt ein Besuch am Gymnasium Bersenbrück. Dort sind seit gut fünf Jahren Schulsanitäter im Einsatz. Jule und Natasza engagieren sich seit mittlerweile drei, beziehungsweise zwei Jahren. „Die meisten Verletzungen sind nicht so schlimm“, berichtet Jule. „Hier mal eine Schürfwunde, dort mal ein umgeknickter Fuß – wirklich nichts, für das der Notarzt gerufen werden müsste.“ Trotzdem arbeiten die Schulsanitäter immer in Zweierteams. So können sie sich bei Bedarf gegenseitig helfen und gemeinsam über das weitere Vorgehen entscheiden.

Für die Jugendlichen bedeutet die Teilnahme am Schulsanitätsdienst viel Verantwortung – und das nicht nur, weil sie im Ernstfall schnell die richtigen Entscheidungen treffen müssen. „Wir erwarten von den Schülern, dass sie ihren eigenen Dienstplan aufsetzen und auch sicherstellen, dass während des Schulbetriebs ständig jemand erreichbar ist“, sagt Thomas Kuschel, Lehrer am Gymnasium Bersenbrück. Dafür hat die Schule sogar ein Diensthandy angeschafft, das auch schon mal während des Unterrichts klingelt. „Für die Schüler ist ein Einsatz während des Unterrichts meist kein Problem“, sagt Kuschel. „Unpassender ist es eher in der Pause, wenn sie sich gerade mit Freunden unterhalten, oder am Wochenende, wenn jeder Schüler lieber ins Kino will statt zum Schulkonzert.“ Doch weil der Einsatz der Schulsanitäter im Schnitt nur einmal pro Woche nötig wird, findet Natasza das Opfern von Freizeit nicht weiter schlimm. „Meine Freunde wissen ja, dass ich im Schulsanitätsdienst bin. Für die ist das okay und manche finden es sogar schade, dass sie nicht selber mitmachen können.“

Training ist für die Schülersanitäter unerlässlich

Schulen setzen auf Inklusion

Tatsächlich durchlaufen nur zwölf Schüler pro Jahrgang am Gymnasium Bersenbrück die Ausbildung zum Schulsanitäter. Die Zahl der Interessenten ist aber deutlich größer. Aus diesem Grund hat Kuschel eine Art Bewerbungsverfahren eingerichtet. „Wir starten jedes Jahr beim Wechsel in die neunte Klasse. Wer mitmachen möchte, muss in einem kurzen Text begründen, weshalb er den Job gerne haben will.“ Die häufigsten Begründungen: der Wunsch zu helfen und das große Interesse an medizinischen Themen. Doch nicht nur wegen des Bewerbungsverfahrens ist der Schulsanitätsdienst am Gymnasium Bersenbrück etwas Besonderes. Als einziger Schulsanitätsdienst der Malteser in Deutschland setzt er seit rund vier Jahren auf Inklusion. Seitdem kommen zusätzlich drei Schulsanitäter pro Jahrgang von der benachbarten Paul-Moor-Schule, einer Förderschule für Kinder und Jugendliche mit geistiger oder körperlicher Behinderung. „Anfangs war ich mir unsicher, ob unsere Schüler den extrem hohen Anforderungen der Ausbildung gewachsen sind“, erinnert sich Monika Diekgers, Heilpädagogin an der Paul-Moor-Schule. „Diese ganzen medizinischen Fachbegriffe – da schwirrt selbst mir manchmal der Kopf.“ Aus diesem Grund wählt Diekgers die potenziellen Teilnehmer an der Förderschule sorgfältig aus. „Die Schüler müssen mindestens 12 Jahre alt sein – und kognitiv sowie körperlich in der Lage, die Aufgaben eines sogenannten Schulsanitätsdiensthelfers zu erfüllen.“ Auf Stephan trifft all das zu. Routiniert kann der 18-Jährige heute Blutdruck messen, Verbände anlegen oder den Kreislauf stabilisieren. Bei Schulveranstaltungen ist er auch deshalb bei seinen Kollegen vom Gymnasium ein beliebter Einsatzpartner. „Dabei zu sein, gesehen zu werden, helfen zu können – das alles ist für unsere Schüler enorm wichtig“, sagt Diekgers. Das T-Shirt mit der Aufschrift Schulsanitäter trägt Stephan mit entsprechend viel Stolz.

Ein Gewinn für alle Beteiligten

Zu Recht, findet Diekgers. Denn das Engagement der Schulsanitäter sei wirklich einzigartig. „Ich finde es schön zu sehen, wie selbstverständlich die Schüler auf einem hohen Niveau zusammenarbeiten. Das beginnt schon bei der Ausbildung und zieht sich bis zum Ende ihrer Tätigkeit als Schulsanitäter durch.“ Auch deshalb möchte die Pädagogin das Projekt so lange wie möglich am Leben erhalten. Am Ende hängt das – wie so häufig – aber auch vom Finanziellen ab. „Die Schule übernimmt die Kosten für die Ausbildung, alles andere tragen die Malteser“, sagt Kuschel. Dazu zählen zum Beispiel regelmäßige Fortbildungen, gemeinsame Freizeitaktivitäten und auch die notwendige Ausrüstung – wie etwa Poloshirts oder Einsatzrucksäcke. „Für uns ist das eine Selbstverständlichkeit“, stellt Lindemann fest. „Denn der Schulsanitätsdienst ist ein Gewinn für alle Beteiligten: Die Schulen profitieren von gut ausgebildeten Schulsanitätern, die Schüler entwickeln wichtige medizinische und soziale Kompetenzen und wir gewinnen den einen oder anderen Nachwuchssanitäter.“ So auch Jule. „Mein Traum war schon immer, etwas mit Medizin zu machen. Den Schulsanitätsdienst sehe ich nur als ersten Schritt. Durch ihn bin ich als Einsatzsanitäterin zu den Maltesern gekommen. Für mich ist das eine gute Vorbereitung auf das geplante Medizinstudium.“

 

Alle Infos zum Schulsanitätsdienst der Malteser finden Sie hier: https://www.malteser-ssd.de/startseite.html

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