Rettungsdienstler vor einer Wache
IM EINSATZ

Selber schuld?

Kommentar von Jan Czichy, Leiter Bereich Notfallvorsorge Malteser NRW

„Gewalt gegen Retter“ ist ein Thema, das uns seit rund 10 Jahren medial verstärkt begleitet. Ja, es gibt Gewalt gegen Retter und jede Tat ist zu verurteilen und eine zu viel. Nein, Gewalt gegen Retter ist zum Glück noch nicht der Alltag der Retter, wie manche Berichte suggerieren. Ja, wir beschäftigen uns seit Jahren mit diesem Phänomen und fragen uns, warum Retter zu Opfern von Gewalt und Respektlosigkeit werden.

Die Ursachensuche ist vielschichtig und bekommt jetzt einen überraschenden, für mich haarsträubenden Aspekt dazu. Im Kommentarbereich einer Kirchenzeitung konnte ich Ende Februar lesen, dass wir Retter eventuell ja selber schuld sind und Gewalt gegen uns geradezu provozieren. Warum? Weil wir seit Jahren angeblich völlig ungeeignetes Personal anziehen, dem es mangels Perspektiven nur um Macht geht und an Empathie fehlt.

So bitte nicht! Wenn einem nichts mehr einfällt, bemüht man halt Stereotypen. „Rettungsrambos“, „Blaulichtgeile“, “Machtmissbrauch“. Ja, das kam und kommt in dieser Berufsgruppe – wie übrigens überall, wo Menschen arbeiten – vor. Aber wir sprechen hier über Leute, die von einer Sekunde auf die andere von gespannter Erwartung auf Vollgas umschalten, die 24 Stunden am Stück und über 365 Tage bereit sind, jemandem das Leben zu retten. Die hart gelernt haben, sich dauernd fortbilden und immer wieder vor neue komplexe Situationen springen, in denen man eben nicht klar sehen kann, was ist und was nicht ist.

Ja, wir fahren auch mit Blaulicht. Aber der Blaulicht-Kick bei Berufseinsteigern ist schnell dahin, denn Profis wissen, dass es um Leben und Tod gehen kann, und dass ihre eigene Gesundheit auf dem Spiel steht.

In einer 12-Stunden-Schicht in einer Großstadt wie Köln werden um die 10 Einsätze gefahren, fast immer als Notfall alarmiert. Vor 10 Jahren waren es vielleicht noch fünf Einsätze am Tag. Ja, wir haben ein strukturelles Problem, das aber nicht die Retter verursacht haben. Es herrscht höchster Stress von der ersten Sekunde bis zu Ablieferung eines versorgten Patienten, oder zur Klarheit über die fehlende tatsächliche Not. Beim achten Einsatz leidet dann auch schon einmal der didaktische Ansatz, vor allem wenn es wieder kein Notfall ist, der einem das Adrenalin in die Adern schießen lässt. Unsere Empathiefähigkeit hat tatsächlich Grenzen, die der menschliche Körper und Geist vorgeben. Wir haben schon ein dickes Fell und unsere Leidensfähigkeit ist mit zunehmendem Dienstalter gewachsen. Dennoch versucht die Masse unserer Kolleginnen und Kollegen immer den Patienten als Menschen mit seinen individuellen Sorgen und Nöten zu behandeln. Seit Jahren befragen wir unsere Patienten, ob das in der Realität auch so funktioniert und sie bestätigen uns das bis auf wenige Ausnahmen, die wir sehr bedauern.

Haben diese Menschen es verdient, nicht nur belästigt, auch angegriffen und am Ende als „Rettungsrambos“ beschimpft zu werden? Selbst in dem immer möglichen Fall, dass es davon welche geben sollte, empfinde ich es als respektlos, 48.000 Rettungsfachkräfte in so ein Licht zu rücken. Ja, dieser Berufsgruppe wird ähnlich wie dem Pflege- und Krankenhauspersonal wenig Beachtung geschenkt, wenig bezahlt und noch weniger Anerkennung außerhalb von Sonntagsreden zu teil. Aber sie genießen höchstes Vertrauen in der Bevölkerung, wie es die aktuellste GFK-Studie belegt. So ein Vertrauen baut sich über Jahre und persönliches Erleben auf!

Ich habe jedenfalls höchsten Respekt und empfinde Dankbarkeit für ihre Arbeit und Anerkennung für Ihre Leistungen. Für die 1.600 Rettungsfachkräfte, die in Nordrhein-Westfalen für die Malteser im Rettungsdienst arbeiten und für deren Dienst ich hier einstehen möchte, bleibt mir heute keine andere Wahl als Nein! Stop! zu sagen. Denn das sind ganz großartige Menschen!

Jan Czichy
Tags  

Comments (3)

  • Also aus meiner Sicht ist beides richtig. Es gibt Kolleg*innen die treten auf wie die Axt im Walde und sind wenig Kommunikationsfähig oder in der Lage auch mit etwas Geduld mal mit dne Leuten zu diskutieren.
    Und es gibt Situationen da bekommt man aufs Maul ohne das es einen Grund gibt.
    Aus meiner Erfahrung kann man aber ganz viel durch besonnes, zurückhaltendes Auftreten und Reden und sicht zeit nehmen lösen.

  • Der große und vielfältige Einsatz der Rettungskräfte fordert viel Geduld und Konzentration. Daher eine große Achtung davor,denn sie sind mehr als nur Lebensretter

  • Guter Bericht. Es wundert mich nur das einfache Abwehrmaßnahmen, vom erkennen, Deeskalation, Mindset und falls nötig Selbstverteidigung noch nicht flächendeckend angeboten wird. Das wäre für die Malteser kein Problem. Stattdessen ist Eigeninitiative gefordert. Zeichen der Zeit sollte man im Rahmen des Eigenschutzes und dem seiner Mitarbeiter erkennen.
    Lg Thomas
    Rettungsassistent Malteser gGmbH und
    Krav Maga Instructor

Comments are closed.

Malteser Logo

Not erkennen und Nähe geben: Ist das zu schaffen? 80.000 ehren- und hauptamtliche Malteser in Deutschland geben darauf die Antwort, indem sie anpacken. Wir schaffen das, weil wir es können – und weil wir glauben!