ALLGEMEIN, INTERNATIONAL

Skilled Volunteers: miteinander unterwegs – voneinander lernen

Audris ist für seine Mitmenschen da. Zwei Mal in der Woche geht er auf Tour und verteilt ehrenamtlich Essen an die ärmsten Senioren in Litauens Hauptstadt Vilnius. Und heute darf ich ihn begleiten.

„Das sind übrigens 600 Stufen pro Tour. Pia, ich hoffe, du bist fit!“ sagt der 82-Jährige mit einem Augenzwinkern. Es ist 8.30 Uhr morgens und wir treffen uns vor dem Eingang der Zentrale der Maltiĉiai, wie die Malteser hier heißen. Zunächst wird das Essen bei Supermärkten und der Suppenküche, mit der die Malteser in Litauen kooperieren, abgeholt. Dann wird das lose Essen in entsprechende Tüten pro Person verpackt. Hier zeigt sich deutlich: Audris kennt die Menschen, denen er das Essen bringt. In die eine Tüte kommt eine Extra-Banane, in die andere ein Extra-Apfel – Audris weiß genau, wem er wie eine Freude machen kann

Und dann geht es los. Eine Liste mit den Adressen hat die Koordinatorin des Projekts „Maistas ant ratų“ (Essen auf Rädern), Jolanta Bielskienė, vorbereitet und uns mit auf den Weg gegeben. Auf meine Frage, wo das Navi denn hier im Auto ist, zeigt Audris nur auf seinen Kopf und lacht.

Viele verschiedene Wohnsituationen und Menschen darf ich in den nächsten 5 Stunden erleben. Manche sind neugierig und plaudern ein wenig. Andere machen nur schweigend die Tür auf, lassen Audris die Suppe in den schon vorbereiteten Topf in der Küche gießen oder die Tüte abstellen und wir gehen wieder. Wir begegnen einer Malerin, die viele eigene Bilder in ihrer Wohnung hat, einem Opernsänger, der uns ein kleines Ständchen singt – trotz seiner Achtzig Jahre ein beeindruckender Bariton! – und ein Historiker und Schriftsteller freut sich, mit mir ein paar Worte deutsch zu sprechen, hat er doch selten die Gelegenheit dazu.

Der Schriftsteller und Historiker in seiner Wohnung. Bild: Elisabeth Pfister

 

Armut und Zukunft in Litauen

Die meisten Wohnungen, die wir betreten, sind in keinem guten Zustand. Baulich ist seit Jahrzehnten nichts am Gebäude gemacht worden. Lüften ist schwierig, es ist kalt draußen und heizen ist teuer. Die Wohnung in Schuss zu halten, ist für viele aufgrund ihrer sehr eingeschränkten Mobilität alles andere als leicht – manchmal unmöglich. Viele haben Bilder der Kinder, Neffen und Nichten auf ihren Kommoden stehen und erzählen stolz, wo im Ausland diese nun leben. Auswanderung ist ein Thema in dem kleinen Land mit gerade mal 3 Millionen Einwohnern. Doch höre ich auch viel Verständnis von den Senioren dafür, dass ihre Kinder, Neffen und Nichten sich eine Zukunft im Ausland aufbauen, sind die Zukunftsperspektiven hier doch nicht allzu vielfältig.

Umso mehr macht für mich nach dieser Erfahrung die Partnerschaftsarbeit zwischen dem Malteser Hilfsdienst in Deutschland und den Maltiĉiai in Litauen Sinn. Zurück in der Zentrale spreche ich mit der Generalsekretärin Dalia Kedaviĉienė über unser neues Format Skilled Volunteers. Elisabeth Pfister, ehrenamtliche Hospizbegleiterin der Malteser in Frankfurt, war gerade als erste Skilled Volunteer hier. So kommt es auch, dass ich dort bin, auf Dienstreise, um die ersten Erfahrungen mit Skilled Volunteers zu evaluieren und gemeinsam zu planen, wie es mit dem Projekt hier in Litauen weitergehen kann. Schnell kommt die Idee, einen Mitarbeiter aus dem Bereich Krankentransport und Fahrdienst als Volunteer für ein sog. Job-Shadowing nach Deutschland zu entsenden. Die Maltiĉiai starten gerade den Prozess, in den Zivil- und Katastrophenschutz in Litauen einzusteigen und besagter Mitarbeiter strebt hierbei eine leitende Rolle vor Ort an. Da kann er von den Erfahrungen der Kollegen des Zivil- und Katastrophenschutzes beim MHD profitieren und eine interessante berufliche Zukunftsperspektive in Litauen aufbauen.

Als Skilled Volonteer ins Ausland

Und auch eine zweite Kandidatin für einen Aufenthalt hier in Litauen ist gerade angekommen: Henriette Hirnstein, ehrenamtliche Leiterin des Sanitätsdienstes und stellvertretende Stadtbeauftragte in Kiel, die im Hauptberuf Physiotherapeutin ist, arbeitet seit Anfang März beim socialinės priežiūros programa (Sozialer Besuchsdienst) mit, um den ehrenamtlichen Helferinnen der Maltiĉiai Litauen einige brauchbare Handgriffe zur Mobilisierung der Bedürftigen zu zeigen. Für sich selbst hofft sie, dass sie auch einmal einen Blick in die Aktivitäten im Bereich Sanitäts- und Rettungsdienst sowie Erste-Hilfe-Ausbildung der Maltiĉiai Litauen werfen darf. „Kein Problem, sogar sehr gerne!“ sagt Dalia Kedaviĉienė. „Es geht auch nicht darum, dass ich dort alles mache, sondern um Nachhaltigkeit. Die Leute vor Ort sollen nach meiner Abreise grundlegende Therapiemaßnahmen selbst beherrschen. Ich freue mich auf viele neue Eindrücke und bin gespannt, wie sich Physiotherapie dort umsetzen lässt. Aber unabhängig von dem Fachlichen freue ich mich auf das Kennenlernen der Malteser vor Ort.“, beschrieb Henriette ihre Motivation vor dem Abflug.

Weitere Kontakte nach Weißrussland, Irland, Österreich, Frankreich, Russland und Albanien sind geknüpft. Konkrete Ausschreibungen folgen in den nächsten Wochen. Wer Interesse an einem Aufenthalt als Skilled Volunteer bei Malteser Partnern im Ausland hat: www.malteser.de/skilled-volunteers. Auskunft erteilt Pia Schievink (pia.schievink@malteser.org).

Pia in der Wohnung einer Seniorin. Photo: Elisabeth Pfister
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Not erkennen und Nähe geben: Ist das zu schaffen? 80.000 ehren- und hauptamtliche Malteser in Deutschland geben darauf die Antwort, indem sie anpacken. Wir schaffen das, weil wir es können – und weil wir glauben!