ALLGEMEIN, ALTERSGERECHTE MEDIZIN UND PFLEGE

Wo Vergessen keine Rolle spielt: Das Café Malta

Text: Anna-Lena Reith

„Die roten Luftballons haben dir den Weg gewiesen, richtig?“, Barbara Funk deckt gerade den Tisch mit roten Tellern, roten Tassen mit neun Namensschildern und roten Servietten. Die weiße Kerze in der Mitte sorgt für ein behagliches Gefühl, das sich im ganzen Raum ausbreitet. Milch und Zucker stehen bereit. In der Mitte des Tisches stehen jeweils vier grüne, blaue und gelbe Papierblumen. „Selbst gebastelt“, erklärt Barbara Funk, die Leitende des Café Malta. Sie trägt ein Namensschild auf ihrem dunkelblauen Pulli, dazu passend eine hellgraue Hose mit Blumenmusterung und Nike Turnschuhe in schwarz. Hinter der dunkelbraunen Brille, die den gleichen Farbton wie ihre Haare haben, lächeln die hellbraunen Augen freundlich hervor. „Wir haben schon mal angefangen, die Vorbereitungen laufen“, erklärt Herr Gerum freundlich, der eine Kanne auf den fertig geschmückten Tisch in der Mitte des lichtdurchfluteten Raumes stellt. Die Luft füllt sich mit herrlichem Duft von frisch gemahlenen Kaffeebohnen. Herr Gerum ist der Fahrdienst, „vor allem für meine Mädels aus der Nachbarschaft“, wie er sie liebevoll nennt. „Dann wollen wir sie mal abholen; sie warten bestimmt schon“, nuschelt er in seinen Schnauzbart.

 

Seit dem Jahr 2005 leitet Barbara Funk das Demenz Café Malta in München, das sich im Erdgeschoss des Pfarrheim St. Michael befindet. Im kleinen Pfarrsaal kommen jeden Dienstag in der Zeit von 14 bis 17 Uhr die fünf „Gäste“ Frau Ober, Frau Bartel, Herr Fick, Herr Dötsch und Herr Dauerer zusammen; zum gemütlichen Kaffee und Kuchen.

Das Café Malta bietet eine Nachmittagsbetreuung für Menschen in der Frühphase der Demenz an; das heißt, diese Menschen haben Probleme damit, Ereignisse zu rekapitulieren, die wenige Wochen oder Monate zuvor passiert sind, dennoch aber nicht in ihren kognitiven Fähigkeiten beeinträchtigt sind. Sie werden hauptsächlich zu Hause von ihren Angehörigen betreut, können so aber einmal wöchentlich einen Nachmittag in Gemeinschaft verbringen, mit vielen lustigen Aktivitäten zum Mitmachen. Die Malteser schaffen es mit diesem Angebot, sich auf die Betroffenen einzulassen, sie in den vertrauten Aktivitäten zu fördern und ihnen aufmerksam zuzuhören.

 

Leider gibt es aber nicht viele, die sich ehrenamtlich in so einer Weise betätigen wollen. Nur knapp 15% der Bevölkerung in Deutschland ist freiwillig sozial engagiert. Vor allem Jugendliche sind Mangelware. Junge Menschen haben ein anderes Verhältnis zum Ehrenamt, andere Motive und Ziele. Im Vordergrund stehen meistens Spaß und Anerkennung; weniger altruistische Motive, wie einander zu helfen. Was mag der Grund dafür sein? Zeit? Geld?

„Ich bin in Rente und habe so die Möglichkeit, für einen Nachmittag in der Woche für ein paar ältere Menschen da zu sein, die mir echt schon ans Herz gewachsen sind“, sagt dagegen Herr Gerum. Für die Betreuer im Café Malta zählt das Gefühl, den Patienten einmal wöchentlich eine wohltuende Atmosphäre und etwas Abwechslung zu schaffen. Sich mit viel Herz um sie zu kümmern.

 

Spieglein, Spieglein an der Wand … diese Woche gibt es ein neues Thema auf dem Plan des Café Malta: die Welt der Märchen. Das ist vor allem Frau Obers Spezialgebiet. Mit ihren 99 Jahren ist sie die älteste Teilnehmerin. Sie kommt schon seit zwei Jahren jeden Dienstag in das Café Malta.

„Alleine alt werden ist nicht schön!“, waren die ersten Worte zu Beginn der Kaffeestunde. Die Märchen gefallen ihr umso besser. Das Märchen vom Schneewittchen mit der schneeweißen Haut, den Lippen so rot wie Blut und den Haaren schwarz wie Ebenholz.

Es handelt von der Prinzessin, die vor der bösen Stiefkönigin fliehen muss, die ihr nach dem Leben trachtet; aufgrund ihrer Schönheit und Jugend.

 

Der unaufhaltsame Prozess des Alterns bringt Krankheiten, wie Alzheimer mit sich. Nach Schätzung der Weltgesundheitsorganisation wird die Zahl der Demenzkranken weltweit bis zum Jahr 2050 auf 152 Millionen Menschen ansteigen; und würde sich somit verdreifachen. Grund dafür ist der demografische Wandel. Von der Überalterung der Gesellschaft ist auch Deutschland betroffen. Niedrige Geburtenzahlen und die steigende Lebenserwartung treiben das Durchschnittsalter der Deutschen immer weiter nach oben. Das deutsche Gesundheitssystem gilt als eines der besten weltweit und ermöglicht durch Prävention und Behandlung typischer Altersleiden wie Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, eine Verlängerung des Lebens.

Dennoch: Der soziale Aspekt kommt oft zu kurz.

Auf die Frage, wer sich um die Menschen kümmern soll, die aufgrund hohen Alters beeinträchtigt sind, wissen auch die Malteser Funk und Gerum keine Antwort. Laut einer Studie kommen in einem Pflegeheim für Senioren auf 35 Patienten nur eine Pflegekraft und zwei nicht ausgebildete Pflegehelfer. „Die meisten wissen nicht einmal, wie man mit Menschen umgeht, die an Demenz erkrankt sind!“, meint die Leiterin des Cafés. Es ist sehr wichtig, dass Selbstbestimmung und Würde erhalten bleiben. Sonst geht die Lebensqualität verloren; auch für die Angehörigen. Die Frustration steigt, weshalb Körper, Geist und Seele gleichermaßen abbauen.

Dass der Spirit der älteren Herrschaften im Café Malta sich auflöst, ist keineswegs zu beobachten. Das stellt Herr Dauerer beim Mühlespielen unter Beweis. Keiner der Anwesenden, weder die Malteser, noch die Gäste, wagen ein Spiel mit dem 76-jährigen Münchner. Mit weißem Hemd und dunkelrotem Pulli darüber wirkt er sehr seriös. Nur das spitzbübische Grinsen, das sogar die blaugrünen Augen erreicht, verrät ihn ein wenig. Weil ihm das Gewinnen aber langsam zu langweilig wird, verrät er dem Gegner seine Spielstrategie.

Zwischen Betreuern und Gästen des Café Malta entwickelt sich so eine Beziehung, die nicht vieler Worte bedarf. Die Herzlichkeit und das gegenseitige Verständnis sind deutlich im Raum zu spüren. „Guten Gewissens gehe ich jetzt nach Hause und bin froh, unseren Gästen wieder Freude am Leben vermittelt zu haben.“ Barbara Funk lächelt, dreht sich um und verlässt den Pfarrsaal St. Michael. Bis nächsten Dienstag!

Wenn Sie mehr Informationen zu unserer Arbeit für Menschen mit Demenz suchen, finden Sie diese hier: www.malteser-demenzkompetenz.de 

 

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